SGKB investment views: Sonderfall Schweiz
Der Erdölpreis hat letzte Woche zum ersten Mal seit Anfang März wieder die Marke von 80 US-Dollar unterschritten. Hinter dem Rückgang steht die jüngste Entspannung im Konflikt mit dem Iran. Den Ölpreis zum Gradmesser der Inflation zu erheben, wäre aber ein Irrtum, denn gefährlicher als der Preis ist die Verfügbarkeit. Die amerikanischen Erdölvorräte befinden sich auf dem tiefsten Stand seit 1983. Die Blockade von Hormus hat die Lieferketten für Erdöl, Erdgas und Dünger gestört, und diese Nachwirkungen arbeiten sich noch durch die Wirtschaft. Inflation ist zudem selten eine reine Energie-Geschichte. Die grossen Inflationswellen entstanden stets aus einem Zusammenspiel von Angebotsschocks, expansiver Geld- und Fiskalpolitik und Lohn-Preis-Spiralen. In den USA trifft der aktuelle Angebotsschock auf einen bereits erhöhten Inflationsdruck. In der Schweiz dagegen trifft derselbe Schock auf ein Umfeld der Preisstabilität.
von Dominik Schmidlin, Leiter Anlagestrategie und Analyse der St.Galler Kantonalbank
Das Gewicht der Energie im Warenkorb ist hier so tief wie kaum anderswo und der starke Franken dämpft den Preisdruck zusätzlich. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat die Inflation im Griff und ihr Track Record ist deutlich besser als jener der meisten anderen Notenbanken. Ihr pragmatisches Inflationsziel verschafft ihr den Spielraum, einen Schock auszusitzen, statt hektisch zu reagieren. Entsprechend kann die Schweiz dem aktuellen globalen Preisdruck so gelassen entgegenblicken wie kaum ein anderes Land. Richtigerweise hat die SNB daher letzte Woche auch keinen Grund gesehen, am aktuellen Null-Zins zu rütteln.
Negativzinsen sind in der Schweiz kein Thema mehr, Leitzinserhöhungen, wie wir sie zuletzt in Europa und in Japan gesehen haben ebensowenig. Was heisst das für Anlegerinnen und Anleger? Für Schweizer Obligationenanleger bedeutet dies, dass weder namhafte Performance durch weiter sinkende Zinsen noch höhere Renditen absehbar sind. Solange die SNB keine Erhöhung andeutet, bleibt daher das Potenzial für höhere Frankenrenditen begrenzt. Für Anleger bleibt die Rechnung damit unbequem. Die Verfallrendite des Swiss Bond Index liegt bei gerade einmal 0.8%. Das bedeutet: Wer in Franken spart, erhält real bestenfalls die Kaufkraft, mehrt aber kein Vermögen.
An Realwerten wie Aktien führt deshalb weiterhin kein Weg vorbei, denn diese bleiben das beste Instrument, um am Wachstum der Weltwirtschaft teilzuhaben. Aktien trotzen seit Monaten den politischen Unsicherheiten und notieren nahe ihren Höchstständen. Getragen wird die Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten primär vom Technologiesektor. Wichtige Stützen für das positive Momentum sind das aussergewöhnliche Gewinnwachstum sowie anhaltend positive Gewinnrevisionen, welche die Bewertungen trotz gestiegener Kurse nicht teuer erscheinen lassen. Das grosse Gewicht der Technologie-Aktien in den Indizes ist daher nicht Ausdruck einer Bewertungsblase, sondern primär Spiegelbild der Gewinnentwicklung.
Teilnehmen am Wachstum – mit Augenmass
Technologie und künstliche Intelligenz sorgen dafür, dass sich die Welt verändert, und Aktien sind ideal, um an dieser Entwicklung teilzuhaben. Das ist jedoch kein Freibrief für maximales Risiko. Wer aus dem sicheren Hafen gedrängt wird, sollte nicht reflexartig zum grössten Wagnis greifen. So zeigt die Kursentwicklung nach dem Börsengang von SpaceX genau das Gegenteil von Disziplin. Ein Kurs-Umsatz-Verhältnis jenseits des Hundertfachen, eine Bewertung, die bestenfalls nur zur Hälfte nachvollziehbar ist, getragen von einem Narrativ statt von Cashflows. Mit der anstehenden Aufnahme in grosse Indizes und passive Fonds werden solche Titel bei steigendem Free Float in den kommenden Monaten in viele Depots gespült. Umso wichtiger ist es, das Aktienrisiko bewusst breit, qualitäts- und bewertungsorientiert zu wählen. Für Anlegerinnen und Anleger gilt daher: investiert bleiben mit Augenmass, nicht mit Übermut. (SGKB/mc)