Marie Tuil, Co-Founder Direct Coffee, im Interview

Marie Tuil
Marie Tuil, Co-Founder Direct Coffee. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Tuil, seit 2016 importiert Direct Coffee Kaffee von äthiopischen Kleinbauern in die Schweiz. Wie kam es dazu, was hat Sie zu dieser Geschäftsidee inspiriert?

Marie Tuil: Die Idee ist während unserer Hochzeitsreise nach Äthiopien entstanden. Mein Mann und ich waren von der jahrtausendealten Kaffeekultur und der Offenheit der Menschen begeistert. Er hat damals als Berater gearbeitet, ich als Journalistin. Aber ein soziales Unternehmen zu gründen, war schon lange unser Traum. Also haben wir unsere Jobs gekündigt und haben uns ins Abenteuer gestürzt.

Sie beziehen den Kaffee aus einer Kooperative in den äthiopischen Bergen. Wie viele Kaffeebauern gehören dieser an?

Weil die Kooperative das Leben der Bauern verbessert, schliessen sich immer mehr Bauern an. Unser letzter Stand sind 283 Bauernfamilien, aber wir waren leider wegen Corona nun eine Weile nicht mehr vor Ort.

Bestand diese Kooperative bereits oder waren Sie am Aufbau beteiligt?

Die Kooperative bestand schon. Aber mit uns sind sie das erste Mal in den direkten Handel eingestiegen. Früher haben die Bauern ihren Kaffee auf dem lokalen Markt oder über die Börse verkauft. Natürlich zu einem deutlich niedrigeren Preis.

Sie importieren den Kaffee in so wenig Schritten wie möglich in die Schweiz und lassen dabei sämtliche Zwischenhändler aus. Wie wirkt sich das auf das Einkommen und die Arbeit der Kaffeebauern aus?

Unser Ziel ist es, so viel Wertschöpfung wie möglich bei den Bauern zu belassen. Sie entfernen das Fruchtfleisch von den Kaffeebohnen, waschen und trocknen sie. Dann folgt noch eine Selektion per Hand – das alles erhöht die Qualität des Kaffees, äthiopischer Waldkaffee hat ein riesiges Aromapotential. Und dafür können wir die Bauern dank des direkten Handels auch fair bezahlen. Im Vergleich zum Verkauf auf dem lokalen Markt können wir so die Preise bis zu verzehnfachen.

„Früher haben die Bauern ihren Kaffee auf dem lokalen Markt oder über die Börse verkauft. Natürlich zu einem deutlich niedrigeren Preis.“
Marie Tuil, Co-Founder Direct Coffee

Nachhaltiger Kaffee umfasst neben dem direkten Handel viele weitere Bereiche. Wie decken Sie diese ab?

Äthiopien ist das Ursprungsland des Arabica-Kaffeebaums. Deshalb fühlt sich die Pflanze dort pudelwohl und braucht weder Chemie noch Bewässerung. Unser Kaffee wächst inmitten der Bergwälder und schützt so gleichzeitig die Biodiversität. Wir nennen das «besser als bio», weil im Vergleich dazu brasilianischer Biokaffee auf einer Plantage wächst, für die Regenwald gerodet wurde. Wir verzichten bewusst auf Zertifizierungen und bieten unseren Unterstützern stattdessen an, mit uns nach Äthiopien zu reisen. Jedes Jahr organisieren wir eine Kaffeereise, bei der sich jeder selbst ein Bild machen kann. Ausserdem reduzieren wir den CO2-Fussabdruck unseres Kaffees soweit es geht – und kompensieren den Rest.

Was macht den Kaffee besonders hinsichtlich Aroma und Röstung?

Aus einem guten Kaffee können Sommeliers 900 verschiedene Aromen herausschmecken – das sind doppelt so viele wie bei Rotwein. Um das Aromapotential unseres Kaffees zu bewahren, rösten wir ihn hier in der Schweiz im traditionellen Trommelröster über 10-15 Minuten. Im industriellen Verfahren werden die Bohnen dagegen in 90 Sekunden und bei mehr als der doppelten Temperatur eher «verbrannt» als geröstet.

Sie bieten Ihren Kaffee in Bohnen, gemahlen und auch in Nespresso-kompatiblen und kompostierbaren Kapseln an. Aus welchem Material sind diese gefertigt?

Unsere Kapseln sind aus einem Bio-Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen und Papier hergestellt. Sie können sogar im Hauskompost zerfallen.

Wie viel Kaffee importieren Sie mittlerweile und wo ist er erhältlich?

Inzwischen importieren wir etwa 10 Tonnen – und verkaufen ihn hauptsächlich direkt über unsere Website directcoffee.ch an Private, Unternehmen und Gastro. Wir haben ausserdem einige tolle Läden, die unseren Kaffee verkaufen. Aber grundsätzlich gilt: je direkter, desto mehr entspricht es unserem Konzept.

Über den Kaffeeverkauf hinaus engagieren Sie sich auch für die langfristige Entwicklung in der Region, aus der Sie den Kaffee importieren. Welche Projekte unterstützt jemand, der Direct Coffee-Kaffee kauft?

Pro Päckchen Kaffee fliesst etwa 1 Franken in soziale Projekte. Wir setzen uns regelmässig mit der Gemeinschaft zusammen und überlegen gemeinsam, welche Projekte sinnvoll sind. Für März hatten wir zum Beispiel Sehtests für 10’000 Schüler organisiert, bei denen diejenigen, die Brillen oder Behandlungen brauchen, von uns unterstützt werden. Wir mussten sie wegen Corona verschieben. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.

„Pro Päckchen Kaffee fliesst etwa 1 Franken in soziale Projekte. Wir setzen uns regelmässig mit der Gemeinschaft zusammen und überlegen gemeinsam, welche Projekte sinnvoll sind.“

Sie haben Direct Coffee zu 100% über „bootstrapping“ aufgebaut, also angepasst an ein sehr begrenztes Budget und knappe Ressourcen. Wie hoch war das Gründungskapital und wie lange haben Sie sich Zeit gegeben, um vom Kaffeeimport leben zu können?

Wir haben 20’000 Franken von unseren Ersparnissen in die GmbH eingezahlt und davon den ersten Rohkaffeekauf sowie Röstung, Abkapselung und Verpackung gezahlt. Die Website haben wir grösstenteils selbst erstellt – und los ging es mit dem Verkauf. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, konnten wir nach eineinhalb Jahren vom Kaffeeimport leben.

Wie hat sich das auf Ihr persönliches Leben ausgewirkt? Sie haben als Journalistin und Ihr Mann als Berater ja zuvor gut verdient.

Eins kann ich ganz gewiss sagen: Unsere Lebenszufriedenheit hat sich erhöht! Freiheit, Flexibilität und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, sind einfach viel mehr wert, als eine grössere Wohnung oder ein grösseres Auto. Das ist ja sogar wissenschaftlich bewiesen.

„Unsere Lebenszufriedenheit hat sich erhöht!“

Welches sind über die Finanzierung hinaus die besonderen Herausforderungen beim Aufbau eines sozialen Startups?

Wir stecken natürlich viel Zeit und Energie in die Organisation der sozialen Projekte. Das kommt zum normalen Zeitaufwand beim Aufbau eines Unternehmens einfach dazu. Zumal wir nicht einfach einen gewissen Betrag an eine andere Organisation überweisen. Aber das ist auch die Arbeit, die besonders viel Spass macht.

Die Coronakrise ist für viele Startups existenzbedrohend. Inwieweit hat das Virus in den letzten Monaten das Geschäftsmodell von Direct Coffee beeinträchtigt?

Gastro und Unternehmen sind uns während des Lockdowns als Kunden komplett weggebrochen. Glücklicherweise hat der Boom im Onlinehandel das etwas abgefedert. Ausserdem wickeln wir den Versand normalerweise über eine Integrationswerkstatt ab, aber die war auch zu. Deshalb habe ich kurzerhand den Versand aus dem heimischen Keller organisiert. Wie in den Anfangstagen unseres Startups.

Welche Ausbauschritte planen Sie für die Zukunft?

Wir möchten gerne weiter aus eigener Kraft und organisch wachsen. Ich bin überzeugt, dass es gibt noch viele Kaffeetrinker gibt, die sich über eine wirklich nachhaltige Alternative freuen würden, uns aber noch nicht kennen. Für die Zukunft ist unser Modell des direkten Handels natürlich auch auf andere Produkte wie Tee oder Gewürze anwendbar.

Frau Tuil, besten Dank für das Interview.

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One thought on “Marie Tuil, Co-Founder Direct Coffee, im Interview

  1. Me encanta su café.
    Los admiro y quiero felicitarlos por este emprendimiento con enfoque social hacia las comunidades más necesitadas.
    Abrazo grande!

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