Robert Bueninck, CEO Unzer: Europäische Souveränität ist auch eine Frage der Zahlungsinfrastruktur
Schwankende Energiepreise, unterbrochene Handelswege, neue Sanktionsregelungen: Die aktuellen geopolitischen Spannungen machen Europa deutlich bewusst, dass Souveränität kein abstraktes Konzept ist, sondern eine Frage konkreter Kontrolle.
Von Robert Bueninck, CEO Unzer
Wer kritische Infrastruktur nicht selbst kontrolliert, ist in entscheidenden Momenten verletzlich.
Diese Erkenntnis prägt die Debatten über Energie, Handel und Sicherheit und weitet sich zunehmend auch auf den Zahlungsverkehr aus. Zahlungssysteme sind keine reinen Dienstleister, sondern die unsichtbaren Schienen der physischen und digitalen Wirtschaft. Wer sie betreibt, bestimmt über Regeln, Zugang und im Zweifel auch über Ausschluss. Aber steht es um Europas Souveränität im Zahlungsverkehr wirklich so schlecht? Ja und nein.
Einerseits läuft ein erheblicher Anteil der Zahlungen in Europa über internationale Kartensysteme wie Visa und Mastercard. Obwohl diese Unternehmen eine starke Europäische Präsenz haben, werden zentrale Teile von Infrastruktur, Steuerung und Entscheidungen ausserhalb Europas entschieden. Dies schränkt Europas Fähigkeit ein, kritische Transaktion eigenständig zu beeinflussen.
Wer Zahlungsströme kontrolliert, verfügt über einen einflussreichen wirtschaftlichen Hebel, insbesondere in Zeiten geopolitischer Spannungen. Dies wirkt sich auch direkt auf die Verbraucher aus, da viele kaum wissen, wo ihre Zahlungsdaten verarbeitet und gespeichert werden und wer darauf Zugriff hat. Es geht daher nicht um abstrakte Prinzipien, sondern um Kontrolle und Vertrauen im digitalen Alltag.
Starke nationale Grundlagen – aber fehlende Integration
Das ist jedoch nur ein Teil des Gesamtbildes. Europa verfügt durchaus über Elemente der Zahlungssouveränität – bislang jedoch vor allem auf nationaler und nicht auf paneuropäischer Ebene. Beispiele hierfür sind Blik in Polen, Bizum in Spanien, Twint in der Schweiz, iDEAL in den Niederlanden oder Girocard in Deutschland. Mit Wero entsteht zudem eine erste grenzüberschreitende Lösung. Diese Initiativen werden überwiegend von europäischen Banken getragen, ergänzt durch Fintechs wie zum Beispiel Klarna, Brite, Truelayer, Satispay und viele mehr.
Das ist Fortschritt, offenbart aber strukturelle Probleme. Nationale Systeme sind Teil starker Ökosysteme. Erfolgreiche nationale Systeme haben kaum Anreiz, sich aus politischen Gründen ersetzen zu lassen.
Europa braucht Integration – doch seine stärksten Systeme konkurrieren miteinander, statt sich zusammenzuschliessen. Genau darin liegt eine zentrale Hürde auf dem Weg zu echter europäischer Zahlungssouveränität.
Europa ist weder schwach noch vollständig souverän, aber seine Stärken werden noch nicht in ein integriertes europäisches System überführt. Es geht nicht um einen Neuanfang, sondern darum, die bestehende Fragmentierung zu überwinden.
Souveränität braucht Akzeptanz
Europa steht vor Abhängigkeiten, die im aktuellen geopolitischen Umfeld klar benannt werden müssen. Gleichzeitig ist das Bewusstsein für europäische Souveränität heute grösser denn je, weil digitale Infrastruktur zunehmend als strategisch verstanden wird.
Zahlungssouveränität entsteht in der Praxis nicht durch Appelle, sondern durch alltagstaugliche Lösungen. Als CEO eines deutschen Zahlungsanbieters habe ich viele Modelle kommen und gehen sehen: Erfolgreich sind nur diejenigen, die echten Mehrwert bieten und sich einfach in den Alltag integrieren.
Was jetzt entscheidend ist
Erstens: Souveränität entsteht durch Lösungen, die im Alltag genutzt werden – weil sie funktionieren und Mehrwert bieten.
Zweitens: Internationale Zusammenarbeit bleibt essenziell. Europäische Souveränität bedeutet keine Isolation, sondern den gezielten Aufbau eigener Kompetenzen in Verbindung mit bestehenden globalen Strukturen. Auch wir arbeiten täglich mit globalen Akteuren wie Mastercard und Visa zusammen und profitieren von deren Erfahrung, Reichweite und technologischem Vorsprung. Solche Partnerschaften sind eine wesentliche Voraussetzung für reibungslose Zahlungsprozesse und internationale Akzeptanz.
Drittens: Europa muss bessere Bedingungen für die nächste Generation von Zahlungsunternehmen schaffen. Andere Märkte zeigen, wie gezielte Förderung Innovation und Wettbewerb stärkt.
Viertens: Regulierung kann Abhängigkeiten unbeabsichtigt verstärken. Europäische Anbieter stehen unter hohem Druck, während internationale Wettbewerber von Skaleneffekten, gewachsener Infrastruktur und teils günstigeren Rahmenbedingungen profitieren.
Das zeigt sich etwa bei PSD2: Die Richtlinie sollte Innovation und Wettbewerb stärken, hat in der Praxis jedoch viele europäische Konto-zu-Konto-Initiativen geschwächt, bevor sie skalieren konnten. Ähnliche Risiken bestehen bei der Verbraucherkreditrichtlinie: Strengere Vorgaben könnten europäische „Buy Now, Pay Later“-Anbieter belasten, während etablierte, kartenbasierte Modelle globaler Anbieter vergleichsweise profitieren.
Wenn Europa eigene Marktführer entwickeln will, darf Regulierung nicht nur auf Verbraucherschutz und Stabilität abzielen. Sie muss auch ein Umfeld schaffen, in dem europäische Innovationen unter fairen Bedingungen wachsen und skalieren können.
Die Lehre ist klar: Europa sollte nicht einfach bestehende Modelle kopieren, sondern gezielt festlegen, wo es strategisch konkurrieren will – auch im Zahlungsverkehr. Diese Bereiche müssen mit Kapital, verlässlichen Rahmenbedingungen und besser koordinierter Politik unterstützt werden. Es muss einfacher werden, Unternehmen aufzubauen, als die europäische Fragmentierung zu überwinden. Und Erfolg sollte in Jahrzehnten gemessen werden, nicht in Wahlzyklen.
Von der Infrastruktur zur Umsetzung
Souveränität im Zahlungsverkehr entsteht nicht allein durch Infrastrukturprojekte. Sie entsteht durch europäische Unternehmen, die eine echte Chance erhalten, auf ihrem eigenen Markt und darüber hinaus erfolgreich zu sein. Die Politik kann dafür den Rahmen setzen. Doch Souveränität lässt sich nicht einfach ausrufen – sie muss aufgebaut werden, Transaktion für Transaktion.