Babyboomer-Generation verbraucht zu viel Energie fürs Wohnen

Babyboomer-Generation verbraucht zu viel Energie fürs Wohnen
(Foto: © Huntstock / Fotolia)

Zürich – Viele Menschen leben bis ins hohe Alter weitgehend selbstständig in ihren vier Wänden. Eine Studie des Nationalen Forschungsprogrammes «Steuerung des Energieverbrauchs» hat untersucht, wie gross das Energiesparpotenzial von Haushalten älterer Menschen ist und warum es nicht ausgeschöpft wird.

«Die Wohnsituation der Babyboomer-Generation ist energetisch besonders interessant, weil mit zunehmendem Alter nicht nur die Wohnfläche und damit der Energieverbrauch pro Person steigen, sondern gleichzeitig die Wohnung auch von den Personen selbst als zu gross eingeschätzt wird», so Dr. Heinz Rütter, Leiter des Forschungsprojektes «Energiesparpotenziale in Haushalten von älteren Menschen». «Wir wollten wissen, wie gross dieses Energiesparpotenzial tatsächlich ist und was ältere Menschen motiviert oder hindert, ihre Wohnsituation energetisch zu optimieren.»

Gegensteuern mit Energiespar-Strategien
In Interviews mit Haus- und Wohnungseigentümern und Mietern sowie mit Investoren, Betreibern und Hausverwaltungen zeigten sich drei grundlegende Energiespar-Strategien für Haushalte älterer Menschen: (1) energetische Sanierungen; (2) bauliche und soziale Verdichtung; (3) Umzug in eine kleinere Wohnung. Praktisch alle Eigentümer und Eigentümerinnen von Einfamilienhäusern (EFH) und Eigentumswohnungen (ETW) sowie Mieter und Mieterinnen zeigen eine generelle Unsicherheit in Bezug auf ihre künftige Wohn- und Lebenssituation und tendieren dazu, sich möglichst viele Optionen offenzuhalten. Dabei ist der Moment, wenn die Kinder ausziehen, von besonderer Bedeutung.

Eine repräsentative Befragung der Bevölkerung ab 55 Jahren zeigt aber ein beachtliches Potenzial für Einsparungen: 15 Prozent der EFH-Eigentümer planen in den nächsten 5 Jahren eine Veränderung, und für weitere 54 Prozent ist eine Veränderung langfristig denkbar. Bei den ETW-Besitzern sind es 8 bzw. 47 Prozent. Trotz heterogener Wohn- und Lebenssituation sind Motivation und Hemmnisse für das Ergreifen der genannten Strategien ähnlich. Als Motiv für eine energetische Sanierung oder eine Verdichtung wird häufig genannt, das Klima schützen und Energie sparen zu wollen. Mit einer baulichen Verdichtung (Einliegerwohnung, zusätzlicher Wohnraum) sowie durch Untervermietung können der Wohnraum effizienter genutzt und ein Mehrwert bzw. ein zusätzliches Einkommen erzielt werden. Gleichzeitig wird der Wohnkomfort erhöht. Die Verdichtung spart zudem beträchtliche Mengen an grauer Energie. Ein Teil der Befragten will auch aus sozialen Gründen ihren (grossen) Wohnraum mit anderen Personen teilen.

Bei einem Umzug in eine moderne altersgerechte Wohnung steht der Wunsch im Vordergrund, so lange wie möglich selbstständig wohnen zu können. Dieser Schritt wird auch als «Befreiung» von einem Zuviel an Dingen wahrgenommen. Oft regt die neue Wohnsituation Verwandte und Freunde an, ihre Wohnsituation ebenfalls zu verändern.

«Rentiert das noch?»
Finanzielle staatliche Subventionen spielen für die Entscheidung, zu sanieren oder baulich zu verdichten, eine untergeordnete Rolle. Für viele Befragte spricht gegen eine energetische Sanierung oder bauliche Verdichtung die grosse Investition bzw. die Unsicherheit, ob sich diese noch rentiert. Insbesondere für EFH-Eigentümer ist zudem die Finanzierbarkeit einer Sanierung mit einer Aufstockung der Hypothek bzw. einer neuen Hypothek problematisch. Mit einem von den Banken angewandten kalkulatorischen Zinssatz von 5 Prozent erfüllen viele bereits vor der Pensionierung die geforderte Tragbarkeit nicht mehr. «Es ist paradox: Junge Leute erhalten noch keine Hypothek, ältere Menschen nicht mehr, um energieeffizient zu wohnen. Der Finanzsektor und die Politik sind gefordert, wenn das Potenzial der älteren Liegenschaften genutzt werden soll», stellt Thomas Ammann vom Hauseigentümerverband Schweiz (HEV Schweiz) fest.

Wie weiter mit einem Tabuthema?
«Für viele Menschen ist das Thema Wohnen im Alter noch ein Tabu. Die persönliche Auseinandersetzung mit der künftigen Lebens- und Wohnsituation ist jedoch ein Schlüsselfaktor für die Ausschöpfung von Energiesparpotenzialen. Aber auch auf institutioneller Ebene wird das Thema nur zögerlich angegangen», sagt Heinz Rütter. So besteht ein beachtliches Potenzial, ältere Menschen zu energiesparendem Wohnen zu motivieren. Dazu braucht es innovative, volkswirtschaftlich vertretbare Anpassungen am bestehenden System, damit auch für Personen über 60 Jahre Hypotheken für energetische Sanierungen und bauliche Verdichtungen tragbar sind. Auch sinnvoll sind zusätzliche Anreize im Rahmen der Baugesetze, indem etwa eine höhere Ausnutzung spezifisch bei Investitionen in energetische Erneuerungen gewährt wird.

Wie die Studie zeigt, sind für die Wahl und Umsetzung der individuell besten Strategie finanzielle Anreize jedoch nicht ausreichend, sondern diese müssen um wertorientierte Ansätze (z. B. Umwelt-und Klimaschutz, soziale Verantwortung) sowie um umfassende Informations- und Beratungsangebote erweitert werden.

Erste konkrete Aktivitäten, um die energetische Wohnsituation in Haushalten älterer Menschen zu optimieren, werden derzeit zusammen mit dem HEV Schweiz in einem Umsetzungsprojekt des Nationalen Forschungsprogrammes «Steuerung des Energieverbrauchs» (NFP 71) realisiert. (SNF/mc/pg)

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