LFDE: Schwellenländer am Wendepunkt?
Von Kévin Net, Leiter des Bereichs Asien, La Financière de l’Échiquier │ Februar 2026
Zahlreiche Marktbeobachter hatten 2025 angesichts der Rückkehr von Donald Trump mit seiner America-First-Politik ein schwieriges Jahr für die Schwellenländer vorhergesagt. Die tatsächliche Entwicklung sorgte jedoch für Überraschung. Mit einem Plus von 31 % in US-Dollar übertraf der MSCI Emerging Markets die Industrieländer um 11 %. Über den reinen Reflex hinaus, sich bei einer Abwertung des US-Dollar in den Schwellenländern zu engagieren, sehen die Anleger diese Märke mittlerweile offenbar als die strukturellen Gewinner einer multipolaren Welt. Diese taktische Vorgehensweise könnte durchaus in einer langfristigen strategischen Allokation zum Tragen kommen.
Das Entstehen einer neuen multipolaren wirtschaftlichen Weltordnung gibt den Schwellenländern die Möglichkeit, ihre Partnerschaften zu diversifizieren. Mittlerweile entfallen fast 50 % ihrer Exporte auf andere Schwellenländer, während sich der Anteil vor zehn Jahren noch auf knapp über 30 % belaufen hatte. Die von Donald Trump so geschätzten Handelsabkommen vervielfachten sich sowohl zwischen den verschiedenen Schwellenländern als auch in Bezug zu den Industrieländern, wie das jüngst geschlossene historische Abkommen zwischen der Europäischen Union und Indien einmal mehr verdeutlicht. China ist bereits der wichtigste Handelspartner Brasiliens und hat seine Beziehungen angesichts der Spannungen mit Washington weiter ausgebaut. Beim Besuch von Lula da Silva in China im vergangenen Mai unterzeichneten er und Xi Jinping rund zwanzig Abkommen rund um Sektoren, die in den kommenden 50 Jahren strategisch wichtig sein werden. Der Besuch führte ausserdem zu chinesischen Investitionszusagen in Höhe von rund 27 Milliarden Real.
Paradoxerweise regten die Zollschranken seitens der US-Regierung eine Beschleunigung der Innovationen innerhalb der Schwellenländer an. Nachdem China der Zugang zu Spitzentechnologien verwehrt wurde, verstärkte es seine Anstrengungen, um seinen Rückstand aufzuholen. Die Einführung von Deepseek im Jahr 2025, das als ernstzunehmende Alternative zu OpenAI wahrgenommen wird, sorgte für grosses Aufsehen unter den Anlegern. Im Bereich humanoide Robotik hat China offensichtlich sogar einen Vorsprung: So wurden 2025 vier von fünf verkauften humanoiden Robotern im Reich der Mitte produziert. Gleichzeitig werden koreanische und taiwanesische Unternehmen im Zuge der technologischen Ambitionen der USA noch unverzichtbarer, da Washington mittlerweile die Ansiedlung von TSMC, Samsung Electronics und SK Hynix auf amerikanischem Boden subventioniert.
Mit fast zwei Dritteln der Weltbevölkerung verfügen die Schwellenländer über einen riesigen Binnenmarkt, der in der Lage ist, eine Abschwächung des Welthandels abzufedern. Darüber hinaus hat sich eine Gruppe lokaler Investoren herausgebildet, die ihre Märkte unterstützen. In Indien befinden sich mittlerweile über 20 % des Aktienmarkts im Besitz einheimischer Privatanleger. Vor zehn Jahren waren es noch lediglich 5 %.
Diese strukturellen Faktoren werden durch konjunkturelle Elemente verstärkt: die erwartete weitere Abschwächung des US-Dollar, die anhaltende Untergewichtung der Schwellenländer durch die globalen Anleger, die nach wie vor attraktiven Bewertungen – und das für 2026 erwartete Gewinnwachstum von über 20 %.
Obwohl der Beitrag der Schwellenländer zur Weltwirtschaft wächst – laut IWF-Schätzung werden sie bis 2030 für 60 % des globalen Wachstums verantwortlich sein – spiegelt ihr Gewicht in den globalen Indizes ihre wirkliche Bedeutung in einer multipolaren Welt noch nicht angemessen wider. Die jüngste Wertentwicklung zeigt jedoch, dass das Bewusstsein der globalen Anleger für die Schwellenländer wächst.
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