Meret Schneider: Der narrative Blick und das Gute im Menschen

Meret Schneider: Der narrative Blick und das Gute im Menschen
Meret Schneider, Nationalrätin, Grüne Schweiz (Bild: www.parlament.ch)

Wahlkampf ist anstrengend und insbesondere nach einer Nicht-Wiederwahl könnte beim Blick zurück auf die letzten Wochen und Monate mit der Enttäuschung auch ein bitteres Gefühl der vielleicht fehl investierten Zeit oder der Erschöpfung mitschwingen. Täglich ist man herumgereist, hat Gemeinden besucht, mit Brötchen, Bonbons und Botschaften überzeugt und Gespräche geführt, bis Stimme und Syntax schwächer wurden und man sich selber kaum noch hören konnte.

Doch in der Tat – und für mich selbst überraschend – ist dem nicht so. Im Gegenteil war diese Zeit eine der inspirierendsten und gewinnbringendsten der letzten Jahre für mich und hat mich zu einem Buchprojekt motiviert, das ich nun im Begriff bin zu schreiben.

Während der Tätigkeit als Nationalrätin pflegt man unzählige Kontakte, netzwerkt sich von Apéro zu Apéro, lernt die spannendsten Persönlichkeiten aus Branchen aller Couleur kennen, lauscht Elevator Pitches und Festreden und immer hatte ich das Gefühl: wenn mir eines nicht fehlt, dann ist es der Kontakt und die Gespräche mit Menschen. Das Amt der Politikerin ist schliesslich nicht nur eines der Erarbeitung von Dossiers und Bewältigung von Geschäften, sondern stets auch eines der Kommunikation der eigenen Arbeit, um der Wählerschaft wiederkehrend ins Bewusstsein zu rufen, warum es sich lohnt, einen selbst zu wählen. Legislaturbilanzen, Jahresrückblicke, Auftritte an Veranstaltungen: kaum eine Gelegenheit wird ausgelassen, die eigenen Erfolge und Anliegen an Mann, Frau und alle dazwischen zu bringen und klar zu machen: dafür setze ich mich ein, wählt mich wieder.

Entsprechend ohne grosse Erwartungen startete ich daher in die heisse Phase des Wahlkampfes, die von permanenten Herumreisen, Gespräche führen und Auftreten geprägt war – Tätigkeiten also, die mich bereits die letzten vier Jahre stets begleitet haben. Doch die Wahlkampfphase belehrte mich eines Besseren. Anders nämlich als die üblichen Netzwerk- und Lobbygespräche, die stets absichtsvoll und unter einem gewissen Druck des Geistreichen, der Schlagfertigkeit und des Setzens glanzvoller Pointen und Konklusionen geführt wurden, anders als Pitches, die in bester PR-Tonalität von politischen Grundhaltungen überzeugen wollten, anders als die scheinbar unverfänglich-lockeren Small Talks beim Apéro, die einzig dem Zweck dienen, die eigene Visitenkarte unter möglichst viele Meinungsführer*innen zu bringen, waren diese Gespräche von komplett anderer Tonalität.

An einer Standaktion vor einem orangen Detailriesen oder am Bahnhof am Bahnsteig: Menschen kamen auf mich zu und Gespräche entspannen sich ohne zweckrationale Hintergedanken oder Überzeugungsabsichten. Zufällige, kontingente Plaudereien in einem Modus, in dem Zeit kein knappes Gut ist, weil sie auf den Zug warten mussten, zwischen Einkauf und Kochen zu Hause keinen Zeitdruck verspürten oder auf dem Markt bereits gefunden hatten, was sie suchten. Natürlich waren immer wieder politische Gespräche dabei; was halten Sie von den Klimaklebern, vom Gendern oder von den Krankenkassenprämien, aber zumeist wurde schlicht erzählt.

Es waren Menschen unterschiedlichster Milieus und Gesinnungen, die mir erzählten, was ihnen gerade auf der Zunge und dem Herzen lag, die erzählten und erzählten und wenn das Sediment der Oberflächlichkeiten einmal abgetragen war, erzählten sie die basaleren, die grundlegenderen Geschichten, die sie bewegten, bedrückten und beängstigten; oft fühlte sich ein Morgen im Wahlkampf an wie der Blick aufs offene Herz eines Sozialorganismus.

Ich liess die Menschen ausreden, unterbrach sie nie, liess sie reden und reden, bis sie selber zum Ende, wenn auch nicht zu einem Schluss kamen, und mein Blick veränderte sich ganz grundsätzlich. Ein Kinderlied von Peter Reber kam mir dabei in den Sinn, “wer kennt scho d Not vom chline Hippigspängstli? Wer kennt scho sini Sörgeli und Ängstli?” und ohne irgendetwas verniedlichen zu wollen: plötzlich kannte ich sie. Die Sorgen und Ängste derjenigen, die aus Frustration erst gegen Migranten wetterten und im Laufe des Gesprächs dann ihre tiefe Beunruhigung über gesellschaftliche Entwicklungen offenbarten, derjenigen, die sich in ihrer gesamten Identität plötzlich überholt fühlten, weil nonbinäre Menschen sie irgendwie irritieren, die sich unnütz und überflüssig fühlten in einer Gesellschaft, die Innovation und Beschleunigung preist, obwohl sie einfach nur gern ihren angestammten Beruf weiterführen möchten, ohne Weiterbildung zum head of digital marketing.

All diese Geschichten verdichteten sich zu Konklusionen und Erklärungen für gesellschaftliche Entwicklungen, die so neu mit Sicherheit nicht sind – die aber so direkt erfahrbar wurden, dass sie mich jedes Mal berührten. Oft bedankten sich die Leute danach fürs Gespräch, obwohl sie mit mir wohl kaum Heu auf der gleichen politischen Bühne hatten. Ganz oft hörte ich Sätze wie: Danke für Ihre Zeit, das war ein gutes Gespräch, mit Ihnen kann man reden. Und dies, obwohl ich kaum etwas dazu gesagt habe. Ich habe schlicht zugehört und ab und zu etwas nachgefragt mit einem narrativen Blick auf den Menschen gegenüber, mit einem echten Interesse an seiner Geschichte. Und ich machte die Erfahrung: aus den mir zuwiderlaufendsten Aussagen zu Beginn entspannen sich nachvollziehbare Gründe des Zustandekommens der Aussagen und Schicksale, die mich oft leer schlucken liessen.

Richtige Knotenpunkte und Kondensierungsstätten dieser Geschichten und Menschen waren dabei – und damit komme ich zu meinem Buch zurück – die Bahnhofsbuffets, Kioske, Imbisse, die von Durchreisenden frequentiert und von Persönlichkeiten betrieben werden, deren Alltag genau das ist: das Zuhören. Nicht einfach das Ausreden lassen, sondern das Zuhören. Um Portraits dieser Orte oder Nicht-Orte, dieser Rast- oder Nichtraststätten wird sich mein Buch drehen – mit Gesprächen, Interviews, Beobachtungen zu diesen Kondensationspunkten der menschlichen Begegnungen an Orten und in Situationen, deren Zufälligkeit und Flüchtigkeit erst die ganz basalen Grundgeschichten unserer Gesellschaft zu Tage fördern. Ich bin gespannt und freue mich darauf und wenn mein Wahlkampf zwar nicht genug meiner Wählenden überzeugte, dann zumindest mich von der Haltung: im Grunde sind die Menschen gut. Haltets für Kitsch, aber ich bin mir sicher.


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