In die Knappheitsökonomie investieren
Die Weltwirtschaft verfügt über reichlich Kapital und Technologie. Der Mangel an physischen Ressourcen könnte das globale Wachstum jedoch bremsen.
Von Hubert de Marliave, Head of Equities, Gonet
Während eines Grossteils der vergangenen 30 Jahre bewegten sich Anlegerinnen und Anleger in einem Umfeld mit reichlich Energie und Kapital sowie einer vergleichsweise schwachen Nachfrage nach physischer Infrastruktur. Dieses Umfeld verändert sich deutlich. Heute konkurrieren zahlreiche Kräfte um dieselben begrenzten Ressourcen:
- Künstliche Intelligenz und Rechenzentren (DCs)
- Elektrifizierung von Verkehr, Gebäuden und Industrie
- Energiesicherheit und die Rückverlagerung von Produktionsstandorten
- Klimaanpassung und steigender Wasserbedarf
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass weltweit Ressourcen fehlen. Die eigentliche Knappheit betrifft vielmehr Ressourcen, die am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und mit der erforderlichen Infrastruktur verfügbar sind. So kann Strom auf nationaler Ebene vorhanden sein, am Standort eines geplanten Rechenzentrums jedoch fehlen. Selbst wenn Strom verfügbar ist, können Proteste von Anwohnerinnen und Anwohnern, die um ihre eigene Stromversorgung fürchten, die Bewilligung für den Bau eines Rechenzentrums verzögern oder sogar verhindern.
Auch Kupfer ist zwar im Boden vorhanden, doch kann es mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis neue Minen bewilligt und erschlossen sind. Erneuerbare Energien wachsen, doch es mangelt an Netzanschlüssen und Transformatoren. Kritische Mineralien, insbesondere seltene Erden, sind weltweit vorhanden, aber auf wenige Länder konzentriert: Chile, Peru, die Republik Kongo, Indonesien, Australien, China, Russland, Kanada und die USA. Das bringt eine mögliche geopolitische Dimension mit sich.
Dadurch können Unternehmen Preissetzungsmacht gewinnen, wenn sie knappe Ressourcen besitzen, den Zugang zu wichtiger Infrastruktur kontrollieren, zur Beseitigung von Engpässen benötigte Ausrüstung herstellen oder die Effizienz beim Einsatz knapper Ressourcen steigern. In diesem Artikel stellen wir einige börsenkotierte Unternehmen vor, die gut positioniert sind, um von der «Knappheitsökonomie» zu profitieren – weil sie über kritische Ressourcen verfügen oder Engpässe der neuen Wirtschaft kontrollieren.
- Strom: Die unverzichtbare Ressource der digitalen Wirtschaft
Nach mehr als einem Jahrzehnt der Stagnation steigt die Stromnachfrage in westlichen Volkswirtschaften wieder. Grund dafür war vor allem die Verlagerung der Industrieproduktion ins Ausland. In den USA und Europa nimmt die Nachfrage wieder zu – durch den Ausbau von Rechenzentren, aber auch durch Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und Automatisierung. All diese Bereiche sind auf eine zuverlässige Stromversorgung angewiesen. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet, dass sich der Stromverbrauch von Rechenzentren zwischen 2025 und 2030 ungefähr verdoppelt. In den USA könnten Rechenzentren bis 2030 für die Hälfte des gesamten Nachfragewachstums nach Strom verantwortlich sein.

Insgesamt dürfte der weltweite Stromverbrauch bis 2030 jährlich um 4 % wachsen (Quelle: IEA). Geografisch betrachtet treiben China, Indien und Südostasien den grössten Teil des globalen Mengenwachstums.
- Mögliche Profiteure entlang der Stromwertschöpfungskette
Vor diesem Hintergrund eröffnet die steigende Stromnachfrage Chancen entlang der gesamten Stromversorgungskette. Energieversorger müssen zusätzliche Erzeugungskapazitäten schaffen und eine zuverlässige Stromversorgung bei Nachfragespitzen sicherstellen. Ausrüstungsanbieter liefern die Turbinen, Netzsteuerungen und Systeme für Rechenzentren, die benötigt werden, um den Strom dorthin zu bringen, wo er verbraucht wird.
Die folgende Tabelle zeigt die verschiedenen Segmente und einige Unternehmen, deren Angebot auf diese Nachfrage ausgerichtet ist.

Das Speichersektor scheint besonders interessant, da der Ausbau erneuerbarer Energien angesichts ihrer schwankenden Produktion aus Sonne und Wind erhebliche Speicherkapazitäten erfordert. Börsenkotierte Unternehmen, die sich ausschliesslich auf dieses Geschäft konzentrieren, sind derzeit jedoch entweder klein oder Teil eines grossen Konzerns, dessen Schwerpunkt anderswo liegt.
- Mögliche Profiteure rund um die Netzkapazität
Zusätzliche Stromerzeugung reicht nicht aus, wenn der Strom nicht dorthin transportiert werden kann, wo er benötigt wird. Das rasche Wachstum der erneuerbaren Stromerzeugung, der Rechenzentren und der elektrifizierten Industrieprozesse erfordert Hochspannungsleitungen, verstärkte Verteilnetze, Umspannwerke und Transformatoren, Netzmanagement-Software, Hochspannungskabel, Anschlusstechnik und Schaltanlagen sowie Energiespeicher und Software für das Nachfragemanagement.
Die Netzkapazität ist eines der attraktivsten Segmente im Knappheitsthema. Hersteller von Ausrüstung können von höheren Investitionen in verschiedene Technologien zur Stromerzeugung profitieren, ohne dass Anlegerinnen und Anleger vorhersagen müssen, welche Technologie – Kernkraft, Gas, Solar- oder Windenergie – sich durchsetzen wird.
Zudem verfügen diese Unternehmen oft über grosse Auftragsbestände, hohe Markteintrittsbarrieren, lange Qualifizierungszeiten bei Kunden, steigende Serviceumsätze und Preissetzungsmacht. Bemerkenswert ist die Präsenz von Schneider Electric, Eaton, ABB und Siemens. Mit ihren Geschäftsbereichen Elektrifizierung und Automatisierung tragen deren Angebote über das Energiemanagement hinaus ebenfalls zur Modernisierung der Stromnetze bei.
Die folgende Tabelle zeigt die verschiedenen Segmente und einige Unternehmen, deren Angebot auf diese Nachfrage ausgerichtet ist.

- Kritische Materialien: Wo Knappheit auf Geopolitik trifft
Kupfer, Lithium, seltene Erden, Graphit, Nickel und Kobalt sind für Batterien zur Elektrifizierung, für die industrielle Automatisierung und für die Verteidigung unverzichtbar. Sie unterstützen auch den Ausbau von Rechenzentren, vor allem über die Strominfrastruktur, Notstrombatterien und Kühlsysteme. Die Bedeutung der einzelnen Materialien variiert jedoch je nach Anwendungsbereich.
Kupfer ist besonders wichtig, weil es in Stromnetzen, Elektromotoren und bei der Erzeugung erneuerbarer Energie breit eingesetzt wird. Es lässt sich nur schwer ersetzen und neue Förderkapazitäten benötigen lange, bis sie in Betrieb gehen.
Die IEA erwartet, dass die Kupfernachfrage unter den derzeitigen politischen Rahmenbedingungen bis 2040 um rund 30 % steigt. Ihr Ausblick für 2026 deutet trotz angekündigter neuer Kapazitätsprojekte auch auf eine mögliche langfristige Versorgungslücke von 25 % hin. Gründe dafür sind höhere Erschliessungskosten, wenige neue Entdeckungen und langwierige Bewilligungsverfahren, die das neue Angebot begrenzen.
Die folgende Tabelle zeigt die verschiedenen Segmente und einige Unternehmen, deren Angebot auf diese Nachfrage ausgerichtet ist.

Andere Materialien bieten jeweils eigene Chancen. Seltene Erden sind für Elektromotoren, Windturbinen und Verteidigungsausrüstung wichtig. Die Herausforderung betrifft jedoch nicht nur die Verfügbarkeit von Lagerstätten.
China fördert rund 60 % der seltenen Erden und übernimmt mehr als 90 % ihrer Verarbeitung. Eine Mine ausserhalb Chinas schafft daher allein noch keine vollständig unabhängige Lieferkette. Das erklärt, weshalb die USA und China intensiv verhandeln: Die USA sind bei der KI-Technologie führend, während China die US-Produktion behindern könnte, indem es ein Embargo auf seltene Erden verhängt – verarbeitet oder unverarbeitet. Diese Konzentration schafft für Regierungen und Hersteller starke Anreize, alternative Kapazitäten für Verarbeitung und Recycling zu finanzieren.
Bei anderen kritischen Materialien ist ein selektives Vorgehen gefragt. Lithium, Kobalt und Graphit sind für Batterien wichtig, doch die Angebotsdynamik unterscheidet sich je nach Markt. Mit dem Aufbau neuer Kapazitäten kann sich die Lage von einer Knappheit zu einem Überangebot verändern.
Für die Knappheitsökonomie scheint Kupfer den breitesten Zugang zur steigenden Stromnachfrage zu bieten. Seltene Erden bringen eine eigene strategische Dimension mit sich, da eine sichere Verarbeitung und Versorgung mit Magneten für Branchen wichtig sind, die Störungen kaum verkraften.
- Wasser: Unverzichtbar, unterbewertet und zunehmend knapp
In diesem Artikel gehen wir nicht ausführlich auf Wasser ein, da es in diesem CIO Letter bereits breit behandelt wird. In der folgenden Tabelle nennen wir lediglich einige börsenkotierte Unternehmen, die stark in diesem strategisch wichtigen Bereich tätig sind.

6. Fazit: Verschiedene Wege, in Knappheit zu investieren
Neben Einzelaktien sind ETFs der sicherste Weg, um ein passendes Engagement im Knappheitsthema aufzubauen. Wer jedoch breit in die «Knappheitsökonomie» investieren möchte, muss mehrere ETFs kombinieren. Denn die Knappheitsökonomie verbindet verschiedene grosse Anlagethemen über eine gemeinsame Idee: Das Wirtschaftswachstum wird zunehmend durch fehlende physische Kapazitäten begrenzt. Dazu zählen KI, Elektrifizierung, Klimaanpassung, Souveränität, Energiewende und Infrastruktur. Knappheit sollte deshalb als Rahmen für die Aktienauswahl dienen. (Gonet/mc/ps)