Aberdeen: Aktien – Schwellenländer bieten eine seltene Kombination aus Wachstum und attraktiver Bewertung

Aberdeen: Aktien – Schwellenländer bieten eine seltene Kombination aus Wachstum und attraktiver Bewertung
Pruksa Iamthongthong, Senior Investment Director, Asian Equities bei Aberdeen. (Bild: Aberdeen)

Haben Anleger die nächste Wachstumsphase der Schwellenländer übersehen?

Von Pruksa Iamthongthong, Senior Investment Director, Asian Equities bei Aberdeen

Schwellenländer wurden schon immer mit Wachstum in Verbindung gebracht. Was sich heute verändert hat, ist, dass das Wachstum durch einen weiteren Faktor ergänzt wird – nämlich durch attraktive Bewertungen.

Diese Kombination ist ungewöhnlich. Wenn sie auftritt, kann sie für langfristige Anleger attraktive Einstiegsmöglichkeiten schaffen. Unserer Ansicht nach befinden sich Aktien aus Schwellenländern (EM) derzeit genau in dieser Situation.

Ein breiteres Spektrum an Chancen, als die Schlagzeilen vermuten lassen
Um diese Chance zu verstehen, müssen Anleger über kurzfristige Narrative hinausblicken und sich auf strukturelle Treiber konzentrieren. Dabei stechen drei Faktoren besonders hervor.

1. Künstliche Intelligenz: ein mehrjähriger Investitionszyklus
Das Investitionsvolumen im Bereich KI ist bereits beträchtlich und steigt rasant an. Die Investitionsausgaben der Cloud-Computing-Giganten sind von rund 156 Milliarden US-Dollar vor drei Jahren auf geschätzte 770 Milliarden US-Dollar gestiegen.[1] Das ist kein kurzfristiger Trend.

Zwar werden diese Ausgaben von den USA angeführt, doch ein Grossteil der dafür erforderlichen Infrastruktur befindet sich in Schwellenländern, insbesondere in Asien.

Die Chancen beschränken sich nicht auf eine kleine Gruppe bekannter Technologieunternehmen. Sie erstrecken sich über die gesamte Wertschöpfungskette – von Halbleiterfertigung, Ausrüstung und Testverfahren bis hin zu Komponenten wie kupferkaschierten Laminaten sowie dem breiteren Energie- und Rohstoffsektor, der für den Ausbau der Rechenleistung erforderlich ist.

Es handelt sich um einen mehrjährigen Investitionszyklus, dessen Nutzniesser deutlich breiter gefächert sind als die Handvoll namhafter Technologieunternehmen, die die Schlagzeilen beherrschen.

2. Energiesicherheit: vom politischen Ziel zum Wachstumshemmnis
Energie ist nicht mehr nur ein Thema der Nachhaltigkeit. Sie ist zu einem zentralen Faktor für die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit geworden.

Geopolitische Entwicklungen haben die Energiesicherheit sowohl in Europa als auch in ganz Asien in den Vordergrund gerückt. Sie ist mittlerweile eine nationale Priorität, eine Voraussetzung für industrielles Wachstum und eine potenzielle Begrenzung für die digitale Expansion.

Dies ist für Investoren von Bedeutung. Ohne zuverlässige Energieversorgung kann das Wachstum der KI und der Ausbau der digitalen Infrastruktur nicht aufrechterhalten werden. Energie ist daher tief in der übergeordneten Wachstumsdynamik verankert.

3. Konsum: der langfristige Motor
Der dritte strukturelle Treiber ist bekannter, aber nicht weniger wichtig.

Es wird erwartet, dass in den nächsten zehn Jahren rund eine Milliarde Menschen in die globale Konsumentenschicht aufsteigen werden, wobei der Grossteil dieses Wachstums auf Asien entfallen dürfte.[2]

Dies ist eine Nachfrageentwicklung, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Sie stützt das Gewinnwachstum branchenübergreifend und verringert die Abhängigkeit der Schwellenländer von externen Faktoren wie Exporten.

Das Wachstum breitet sich über den Technologiesektor hinaus aus
Die Entwicklung der Schwellenländer wurde zuletzt stark von einigen wenigen Märkten geprägt. Insbesondere Südkorea und Taiwan erzielten kräftige Kursgewinne, unterstützt durch deutliche Gewinnsteigerungen im Zusammenhang mit dem Technologiezyklus.

Dies spiegelt sich auch in den Erwartungen für das Gewinnwachstum des MSCI Asia Pacific ex Japan wider: Prognosen gehen von einem Wachstum von rund 55 % im Jahr 2026 aus, das sich 2027 auf rund 19 % abschwächen dürfte.[3]

Die nächste Wachstumsphase dürfte jedoch durch eine breitere Basis gestützt sein. Wir beobachten anhaltende Gewinnrevisionen in weiten Teilen Asiens, eine stärkere wirtschaftliche Dynamik jenseits reiner Technologieunternehmen sowie eine sich verbessernde Exportentwicklung ausserhalb des Halbleitersektors.

Dies deutet darauf hin, dass sich die Wachstumsdynamik von einer engen, technologiegetriebenen Erholung zu einer ausgewogeneren und nachhaltigeren Expansion entwickelt.

Bewertungen bieten weiterhin Unterstützung
Trotz der jüngsten Volatilität in KI-bezogenen Märkten wie Korea werden Aktien aus den Schwellenländern insgesamt sowie aus dem asiatisch-pazifischen Raum (ohne Japan) nach wie vor mit erheblichen Bewertungsabschlägen gegenüber US-Aktien gehandelt.

Diese Abschläge sind jedoch ungleichmässig verteilt. Die Bewertungen der nordasiatischen KI-Märkte haben bereits deutlich angezogen, sodass die Unterstützung durch attractive Bewertungen ausserhalb der derzeit besonders gefragten Halbleiterunternehmen stärker ist.

KI-bezogene nordasiatische Märkte haben berreits eine deutliche Neubewertung erfahren, so dass die Unterstützung durch attraktive Bewertungen ausserhalb der am stärksten umkämpften Halbleiter-Gewinner stärker ist.

Wir sind der Ansicht, dass sich anderswo bessere Wertchancen finden lassen. Da sich die KI-Ausgaben auf die Bereiche Energie, Stromnetze, Industrie und Rechenzentren ausweiten, dürften ein breiteres Spektrum an Unternehmen profitieren.

Auch China bietet selektive Chancen, da Anleger dort Zugang zu KI und Technologie-Wachstum zu deutlich niedrigeren Bewertungen erhalten als bei vielen globalen KI-Gewinnern.

Gleichzeitig bleibt das Gewinnwachstum robust.[4] Für China wird für 2026 ein Gewinnwachstum von rund 17 % und für 2027 von 18 % erwartet. Für Indien wird im gleichen Zeitraum ein Wachstum von etwa 15–16 % prognostiziert. Taiwan und Korea weisen des Technologiezyklus sogar noch höhere Wachstumserwartungen auf.

Diese Kombination aus günstigen Bewertungen und solidem Gewinnwachstum untermauert unsere Ansicht, dass es noch nicht zu spät ist, in Schwellenländeraktien zu investieren.

Das Anlageumfeld bleibt jedoch komplex
Es gibt jedoch eine wichtige Nuance.

Wirtschaftlich gesehen wirken viele Schwellenländer nicht mehr wie „Schwellenländer“. Märkte wie China, Korea und Taiwan sind hoch entwickelt, technologisch fortschrittlich und eng in die Weltwirtschaft integriert.

Aus Marktperspektive verhalten sie sich jedoch nach wie vor anders als entwickelte Märkte. Politische Rahmenbedingungen verändern sich teilweise schnell, regulatorische Eingriffe können abrupt erfolgen und Marktbewegungen orientieren sich nicht immer ausschliesslich an Fundamentaldaten.Selbst in führenden Märkten können Aktienkurse zeitweise stärker von Privatanlegerströmen oder Leverage-Effekten beeinflusst werden als von den zugrunde liegenden Unternehmensgewinnen. Das kann zusätzliche Volatilität und Bewertungsverzerrungen verursachen.

In diesem Sinne bezieht sich der Begriff „Schwellenland“ heute nicht mehr nur auf den wirtschaftlichen Entwicklungsstand, sondern auch auf sie Marktstruktur und das Marktverhalten.

Aktives Management ist entscheidend
Dieses Umfeld hat klare Auswirkungen für Anleger.

Erstens bleibt die Konzentration in den Indizes eine Herausforderung. Die Benchmarks der Schwellenmärkte werden stark von einer kleinen Zahl grosser Technologiewerte dominiert. Dadurch kann die Möglichkeit von Fondsmanagern eingeschränkt werden, ihre Überzeugungen und Anlageideen mit hoher Gewichtung im Portfolio umzusetzen.

Zweitens ist das tatsächliche Spektrum an Anlagemöglichkeiten deutlich breiter als der Index. Um strukturelle Themen wie KI effektiv zu nutzen, müssen Anleger über die grössten Namen hinausblicken und Unternehmen verschiedener Marktkapitalisierungen, Lieferketten sowie weniger sichtbare Wachstumsfaktoren berücksichtigen.

So lässt sich beispielsweise ein Engagement in KI nicht nur über grosse Halbleiterunternehmen, sondern auch über Ausrüstungsanbieter, Komponentenhersteller und Spezialisten für Materialien realisieren.

Schliesslich erfordert die Navigation in diesen Märkten fundierte Bottom-up-Analysen. Es ist entscheidend zu verstehen, wie Politik, Kapitalströme und Fundamentaldaten zusammenwirken. Diese Märkte lassen sich aus unserer Sicht nicht effektiv allein über passive Anlagen erschliessen.

Ein differenzierterer Ausblick
Schwellenländer bieten heute eine überzeugende Kombination aus starken strukturellen Wachstumsfaktoren, einer sich ausweitenden Gewinndynamik und nach wie vor attraktiven Bewertungen.

Gleichzeitig sind sie nach wie vor komplex, dynamisch und von sich wandelnden Marktstrukturen geprägt. Diese Kombination birgt sowohl Chancen als auch Herausforderungen.

Unserer Ansicht nach stellt das aktuelle Umfeld eine seltene Übereinstimmung von Wachstum und Wertpotenzial dar. Um diese Chance jedoch erfolgreich zu nutzen, ist ein selektiver Ansatz erforderlich, der über den Index hinausblickt und die Komplexität dieser Märkte bewusst berücksichtigt. (Aberdeen/mc/ps)

(1) Aberdeen, Jeffries Equity Research, 5. Juni 2026
(2) World Data Lab, World Consumer Outlook, Mai 2026
(3) FactSet, I/B/E/S, MSCI, Goldman Sachs Global Investment Research, Mai 2026
(4) FactSet, I/B/E/S, MSCI, Goldman Sachs Global Investment Research, Mai 2026

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