Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Sonderfall? Schon klar!

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

Man hat schon länger nichts mehr vom Sonderfall Schweiz gehört. Dabei machen wir dem Namen aktuell aus mehrerer Hinsicht «alle Ehre». Der private Konsum legte gegenüber dem katastrophalen Lockdown-Vorquartal um fast 12 % zu und trug damit gut vier Fünftel zur Erholung des BIP um 7,2 % bei. Dass die Konsumenten nicht streikten, ist auch darauf zurückzuführen, dass die verfügbaren Einkommen dank Kurzarbeitsentschädigungen und COVID-Erwerbsersatz-Leistungen nicht eingebrochen sind.

Diese haben den Staat zwar einiges gekostet, konkret bisher gut 25 Milliarden Franken. Doch das ist in Zeiten wie diesen relativ zu sehen. Es klingt nach sehr viel und ist es auch, aber insgesamt hat sich die Schweiz im internationalen Umfeld noch zurückgehalten. Etliche Staaten griffen einiges tiefer in die Tasche und konnten dennoch nicht die wirtschaftliche Performance ausweisen, wie die Schweiz heute.

Doch es gibt auch schlechte Neuigkeiten. Wir liegen weltweit im absoluten Spitzenfeld der Corona-Fallzahlen, sowohl in Bezug auf Tote als auch auf Neuinfektionen pro 100’000 Einwohner. Ein Zusammenhang lässt sich hier nur schwer bestreiten. Es gibt offenbar eine negative Korrelation zwischen Corona-bedingten Massnahmen und Wirtschaftswachstum. Gesundheit ist eben doch nicht zwingend auch Wirtschaft, auch wenn das Politiker jeder Couleur immer wieder behaupten. Je stärker die Eingriffe, desto tiefer die Fallzahlen bzw. die Anzahl Tote aber eben auch das Wirtschaftswachstum.

Die Schweiz mit ihrem bis anhin relativ lockeren Corona-Modus illustriert dies derzeit wie aus dem Lehrbuch. Kaum ein Land der Welt versucht schon fast versessen, einen erneuten Stillstand der Wirtschaft – wie im 2. Quartal 2020 erlebt – zu vermeiden. Koste es was es wolle, auch Menschenleben, so scheint es. Und das zahlt sich aus, konkret in den eben erwähnten Daten zur Wirtschaftsentwicklung. Die Kehrseite dieser Medaille sind Menschenopfer. So viele, dass im Ausland schon zu lesen ist, es fehle uns an Empathie, dies generell, aber im Besonderen für die Verstorbenen.

Es ist tatsächlich unheimlich, wie die Zahl der Toten davongaloppiert, ohne dass dies hier grosse Wellen schlagen würde. Im Frühjahr, als der Respekt vor COVID-19 – weil neu – noch einiges grösser war, lagen die Corona-Zahlen einiges tiefer und doch war die Betroffenheit der Bevölkerung spürbar. Und auch die gesellschaftliche Solidarität. Heute regiert eher Abstumpfung, niemand will sich mehr so richtig mit dem Thema beschäftigen, es ist wie abgehakt, aber genau das ist gefährlich. Die Haltung der Menschen hierzulande ist klar. Alle (anderen) sollen sich bald mal impfen lassen und dann ist das ganze vorbei. Bis es soweit ist, können wir es durchaus wieder ruhiger angehen und die Disziplin etwas Schleifen lassen, eine Lösung ist ja in Sicht. Auch wenn unklar ist, was die impfskeptische Hälfte der Bevölkerung dann tut. Wir haben jetzt wichtigeres zu tun. Wir müssen noch rasch die Skisaison retten.

Ski Heil um jeden Preis
Waren Sie schon mal auf der Ebenalp im Kanton Appenzell Innerrhoden (10 km präparierte Pisten) Skilaufen? Macht nix, Sie können es jetzt probieren, das «Skigebiet» hat nämlich geöffnet. In Europa fährt sonst niemand wo Ski. In den Alpen sind zurzeit 453 Skigebiete geschlossen, 20 sind geöffnet und die liegen allesamt in der Schweiz. Womit wir wieder bei Besonderheiten der Schweiz angelangt wären, die dies möglich machen. Bei unseren derzeitigen Fallzahlen wäre rund um unser Land herum nur noch Feuer unter dem Dach. An Skifahren würde da erst gar niemand denken.

In Deutschland sind bislang knapp 20’000 Menschen an Corona verstorben. Wir stehen gegenwärtig bei über 5’100 Verstorbenen. Normalerweise rechnen wir so plus minus mal zehn, um uns mit dem nördlichen Nachbarn zu vergleichen. Bei den aktuellen Fallzahlen ist der Unterschied ebenfalls nicht annähernd durch Landesgrösse bzw. Bevölkerungszahl erklärbar. Auch da schwingen wir deutlich nach oben aus. Doch wer letzten Freitag Arena im Schweizer Fernsehen geschaut hat, konnte feststellen, dass eigentlich alle nur an eines denken: bloss kein zweiter Teil-Lockdown und den Skiwinter retten! Aus verschiedenen Motiven versteht sich, aber letztlich hatte niemand der Anwesenden der wichtigen Parteien die Courage, knallhart für eine Schliessung zu plädieren. Und die Diskussion über Kapazitätsbeschränkungen der Bergbahnen war eher philosophisch denn zielführend. Von Sicherheitskonzepten war die Rede, aber nicht von Kontingentierung. Man möchte die Bahnen auf Volllast laufen lassen. Davon, was das heisst, konnte man am Wochenende flugs Einsicht nehmen. Schlangen vor, Gedränge in der Bahn. Mindestabstand kein Meter, aber immerhin alle mit (mehr oder weniger korrekt angelegten) Masken.

Nein, das ist kein Sonderfall, sondern schlichtweg Fatalismus. Dass Bergbahnen mit Unterlast nicht rentabel betrieben werden können, sollte nicht Argument sein, sie voll aufzudrehen. Dann doch lieber ganz abstellen und entschädigen. Mittel dafür wären zweifellos vorhanden. Dem Profit der Bahn steht ansonsten das Risiko jedes einzelnen Individuums gegenüber. Das klassische Gefangenendilemma. Das Risiko könnte(n) die Bahn(en) nie und nimmer abgelten, wenn es einen Preis dafür gäbe. So kann man sich natürlich auf den Standpunkt stellen, eine volle Bergbahn sei kein Risikoherd. Oder wie am Freitag zu hören war: nicht die Bahnen sind das Problem, sondern vor allem was abseits der Pisten und nach dem Skilaufen passiert. Ob Vertreter des Gastgewerbes das ebenso sehen, halte ich für unwahrscheinlich. Es wird mal wieder der schwarze Peter verteilt, längst nicht mehr nur zwischen Bund und Kantonen.

Stolz aufs Anderssein
Im historischen Lexikon der Schweiz ist folgendes über den Sonderfall Schweiz zu lesen. «Der analytisch wenig präzise Begriff Sonderfall, über dessen Aufkommen und Popularisierung wenig bekannt ist, geht davon aus, dass der Schweiz aufgrund ihrer Geschichte und Kultur eine einzigartige Stellung mit Vorbildcharakter innerhalb der Staatenwelt zukommt. Die Wahrnehmung eines Sondercharakters ergibt sich in erster Linie aus dem Vergleich mit den Nachbarstaaten, d.h. aus dem Gegensatz zwischen klein und gross, republikanisch und monarchistisch, vielfältig und einheitlich in sprachlicher und religiöser Hinsicht. Das Sonderfalldenken bezieht sich auch auf die Besonderheit der Landschaft und des Klimas und deren vermeintliche Auswirkungen auf die Mentalität der Menschen. Ferner umschliesst es Tugenden wie Arbeitsfreudigkeit, Sparsamkeit, Sauberkeit und Vertragstreue, die zwar nicht exklusiv beansprucht, aber doch als besonders ausgeprägt verstanden werden. Seine politische und soziale Funktion besteht darin, abzugrenzen und hervorzuheben, und dient indirekt dazu, internationale oder universale Standards nicht übernehmen zu müssen.»

Treffender kann man es kaum formulieren, wie ich meine, entscheidend ist also nicht allein der Weg, sondern insbesondere das Bewusstsein, einen vorbildlichen eigenen Weg zu gehen. Das bedingt von Grund auf, das dieser Weg anders ist als anderswo, ostentativ anders vielleicht sogar? Deshalb gelten hierzulande trotz schwindelerregender Fallzahlen Regeln, welche im übrigen Europa als massive Lockerung gegenüber dem im eigenen Land geltenden Status aufgefasst würden, in der Schweiz aber als äusserst strikt gelten.

Auch die jüngsten Verschärfungen sind im Vergleich zum Ausland zwar ein Klacks, werden aber hierzulande als unverhältnismässig bis übertrieben eingestuft. Bloss nicht noch mehr Einschränkungen, so lautet die fundamentalistische Devise der Politik und die nackten Zahlen der Wirtschaft, so verzerrt auch immer sie sein mögen, geben diesem Postulat auch recht. Nur die Toten sind da natürlich nicht mit eingerechnet. Auch das ein Schweizer Sonderfall: über Tote spricht man nicht.

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

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