Liontrust Asset Management: Warum war die Wertentwicklung japanischer Aktien dieses Jahr so stark?
Von James Klempster, stellvertretender Leiter des Bereichs Multi-Asset bei Liontrust Asset Management
Japanische Aktien haben sich seit Jahresbeginn sehr stark entwickelt und Renditen von rund 30% in Pfund Sterling erzielt. Dies fiel mit einer Phase der Yen-Schwäche zusammen. Tatsächlich nähert sich der Yen gegenüber dem US-Dollar einem 40-Jahres-Tief, was zum Teil auf ein erhebliches Zinsgefälle zwischen den USA und Japan zurückzuführen ist.
Japan gilt traditionell als exportorientierter Aktienmarkt, und ein schwächerer Yen wirkt sich in der Regel positiv auf Unternehmen aus, da ihre in Yen preisgekennzeichneten Waren für Käufer aus dem Ausland günstiger werden. Umgekehrt gilt: Wenn ein Unternehmen Waren in US-Dollar verkauft, seine Ausgaben jedoch in Yen anfallen, ist davon auszugehen, dass seine Gewinne einen Schub erfahren. Dies erklärt, warum sich der Yen und der japanische Aktienmarkt oft in entgegengesetzte Richtungen bewegen.
Die Tatsache, dass nach einem jahrzehntelangen deflationären Umfeld nun wieder Inflation in Japan herrscht, wirkt sich ebenfalls positiv auf die Wirtschaft aus, da sie den Konsum ankurbelt. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Inflation die Wirtschaft aus ihrer Lethargie geweckt hat; sollte sie jedoch zu stark ansteigen, besteht die Möglichkeit, dass die Bank of Japan gezwungen sein wird, eine strengere Haltung einzunehmen, um sie einzudämmen.
Die jüngste Stärke des japanischen Marktes und die Rolle, die die jüngste Schwäche der Währung dabei gespielt hat, eine Grundlage für diese Renditen zu schaffen, lassen jedoch einige weitaus mächtigere langfristige Kräfte in den Hintergrund treten, nämlich die „Drei-Pfeile“-Reformen des verstorbenen Shinzo Abe, die nun schon vor über einem Jahrzehnt eingeführt wurden. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass sie den Grundstein für bessere Aussichten sowohl für die japanische Wirtschaft als auch für den Aktienmarkt gelegt haben.
Kann sich dieser Trend fortsetzen?
Kurzfristige Marktbewegungen sind stets schwer vorherzusagen. Auf kurze Sicht ist es möglich, dass die derzeitige starke Aufwärtsbewegung am japanischen Markt angesichts ihres atemlosen Tempos eine Pause einlegen wird. Dies wäre in vielerlei Hinsicht eine gesunde Entwicklung, da ungebremste Gewinne zu Überheblichkeit führen können, die selten gut ausgeht. Zudem sind die Bewertungen infolge dieser jüngsten Entwicklung etwas überzogen, und Anleger tun gut daran, dies stets im Auge zu behalten.
Dennoch sollten die längerfristigen Aussichten für Japan vor dem Hintergrund der potenziellen strukturellen Auswirkungen von „Abenomics“ betrachtet werden, insbesondere der zweiten und dritten Säule. Diese umfassen eine flexible Fiskalpolitik mit Schwerpunkt auf Investitionen und – was vielleicht am wichtigsten ist – Strukturreformen, die darauf abzielen, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und gutes Unternehmensverhalten zu fördern. Wenn die Reformen der dritten Säule fortgesetzt werden und der Yen weiterhin schwach bleibt, können japanische Exporte wettbewerbsfähig bleiben.
Darüber hinaus gebührt Premierministerin Sanae Takaichi Anerkennung, die eine wachstumsorientierte Agenda umsetzt, die von den Märkten weitgehend positiv aufgenommen wurde. Wenn das Lohnwachstum anhält und die Inflation fortbesteht, kann auch der Konsum, der der Wirtschaft Rückenwind verliehen hat, erhalten bleiben.
Volkswirtschaften und Aktienmärkte sind nicht direkt miteinander verbunden, doch sollte eine starke Wirtschaft eindeutig ein konstruktives Umfeld für Aktien bieten.
Wo liegt derzeit der Wert im japanischen Markt?
Der japanische Aktienmarkt wird weiterhin durch die solide Unternehmenslage und laufende Reformen gestützt, was zu einem positiven Umfeld führt. Strukturelle positive Faktoren, darunter eine bessere Unternehmensführung, Reflation und steigende Aktionärsrenditen, werden nach wie vor unterschätzt. Japan ist zudem gut positioniert, um langfristig von der Einführung künstlicher Intelligenz zu profitieren. Zwar sind die Bewertungen nach der starken Performance hoch, doch bleiben sie akzeptabel. (Liontrust AM/mc/ps)