Ukrainische Armeereformpläne vor Kriegsausbruch

Ukrainische Armeereformpläne vor Kriegsausbruch
Dr. Fritz Kälin

An Kommentaren zum laufenden Kriegsgeschehen in der Ukraine herrscht derzeit kein Mangel. Auch wenn meine letzte Kolumne von Mitte März bislang gut gealtert ist, möchte ich über etwas schreiben, worüber vor Monaten nur am Rande berichtet wurde. Ich möchte einen Blick zurück auf die ukrainischen Armeereformpläne kurz vor Kriegsausbruch werfen.

Von Dr. Fritz Kälin

Eine geplante Wehrpflichtabschaffung, die zu einer grösseren Armee führen sollte

Anfang Februar verkündete die ukrainische Regierung ihre Absicht, auf Anfang 2024 die Wehrpflicht abzuschaffen, um ihre Armee noch mehr an Nato-Standards auszurichten. Schon wieder. Bereits 2013 hatte das Land die Wehrpflicht abgeschafft. Im Folgejahr wurde sie wieder eingeführt. Damals wie heute hindert eine russische Invasion die Ukraine daran, ihre Armee an den vermeintlichen Nato-Goldstandard heranzuführen. Die jüngsten Professionalisierungspläne der Ukrainer wiesen aber eine Besonderheit auf. Der freiwilligen Armee sollten nicht weniger, sondern deutlich mehr Soldaten angehören. Ganze 100’000 zusätzliche Freiwillige sollten mehr als 20 zusätzliche Brigaden alimentieren. Dabei hatte das Heer bereits über 30 aktive Brigaden des Heeres und Luftlandetruppen, exklusive der Reservebrigaden. Anders als 2014 handelte es sich nicht mehr um Bestände auf dem Papier, sondern um einsatzbereite Verbände.

Gemäss Mykhailo Samus, stellvertretender Direktor des ukrainischen Zentrums für Armee- Konversions- und Abrüstungsstudien, wären die zusätzlichen Brigaden für die Verteidigung der ukrainischen Nordgrenze gedacht gewesen. Diese wurde durch Russlands perpetuierte Militärpräsenz in Belarus noch stärker bedroht. Die ukrainische Militärinfrastruktur aus Sowjetzeiten liegt mehrheitlich im Westen und seit 2014 musste primär die östliche Front entlang der Separatistengebiete befestigt werden.

Bessere Gehälter und Wohnunterkünfte sollten den Soldatenberuf attraktiver machen. Anstelle einer Wehrpflicht sollte eine intensive Kurzausbildung von einem Vierteljahr treten. Also eine Art ‹Zwangsschnupperdienst›, damit die ukrainische Armee potentielle Freiwillige nicht bloss über Fernsehwerbung und Mundpropaganda anwerben müsste. Wer nicht in die Armee eintritt, wäre zumindest für die Reserve und den Dienst in den über 25 Brigaden der Territorialverteidigung «zertifiziert», so Samus gegenüber Radiosvoboda.org.

Ob dieser Kurzausbildungsdienst auch für Frauen obligatorisch würde, konnte ich nicht herausfinden. Seit Frühjahr 2021 müssen sich Ukrainerinnen aus bestimmten Berufsgruppen bereits von Wehrämtern mustern lassen. Sie können im Verteidigungsfall zu Aushilfstätigkeiten in der Armee einberufen werden, oder müssen einberufene Männer in den entsprechenden Berufen ersetzen. Von den 32’000 weiblichen Armeeangehörigen (vor Kriegsausbruch) hatte die Hälfte bereits an Kampfhandlungen teilgenommen. Die ukrainischen Landwirte wurden bei Kriegsbeginn für sechs Monate von der Wehrpflicht freigestellt.

Wollte sich Kiew das stärkste Heer und die schwächste Luftwaffe Europas leisten?

Wie sich die Ukraine, eines der ärmsten Länder Europas, eine so grosse Berufsarmee plus moderne westliche Waffen für diese leisten wollte, bleibt schleierhaft. Bislang reichte das Geld kaum für die Ausstattung der Wehrpflichtigen. Ausserdem hätte ihre Luftwaffe dringenderen Investitionsbedarf als die Bodentruppen. Die ukrainischen Kampfflugzeuge sind alle gut ein Jahrzehnt älter als die F/A-18, die wir in der Schweiz bis 2030 unbedingt ersetzen müssen.  Die gleichzeitige Erneuerung der Luftwaffe neben der Expansion des Heeres wäre für die Ukraine nicht finanzierbar gewesen. Eine so grosse Landstreitkraft mit einer altersschwachen Luftwaffe leuchtet militärisch nicht ein. Solch illusionäre Reformpläne passen nicht zu einem armen Land, das bereits seit acht Jahren im Krieg mit einer Atommacht steht.

Für mich als aussenstehenden Beobachter ergab sich der Eindruck, dass die Ukraine damit rechnete, den Luftschutz für seine aufgerüsteten Bodentruppen nicht mehr selber gewährleisten zu müssen. Glaubte Wolodymyr Selenskyi, sein Land innert nützlicher Frist unter die schützenden Flügel der Nato-Luftmacht stellen zu können? Dann ergäben die einseitigen Investitionen in das Heer plötzlich Sinn.

Für Moskaus Führung wäre eine starke ukrainische Landstreitmacht in Kombination mit den Luftstreitkräften der Nato ein Schreckensszenario. Es ist nicht auszuschliessen, dass Berlin sich aus Rücksicht auf diese russische Paranoia so lange weigert(e), Kiew militärisch aufzurüsten. Damit möchte ich ausdrücklich nicht suggerieren, die ukrainischen Pläne für die Stärkung ihrer Armee seien der entscheidende Auslöser für Putins Angriffskrieg gewesen. Dafür dürften die Würfel schon früher gefallen sein.

Es hat sich jedenfalls gezeigt, dass die Wehrpflichtigen, Reservisten und Territorialtruppen der Ukraine eine wirksame Ergänzung ihrer ‹professionellen› Kameraden sind. Mit einer stärkeren eigenen Luftwaffe könnten sie den russischen Invasoren einen wesentlich höheren «Eintrittspreis» abverlangen. In der Schweiz werden wir in den nächsten Jahren politisch über die Erneuerung unserer Luftverteidigung und neue Dienstpflichtmodelle entscheiden. Wenn wir die militärischen Realitäten berücksichtigen, sollten uns die richtigen Entscheide nicht mehr schwerfallen. 


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