SGKB investment views: Erwartungen, nicht Fakten, treiben kurzfristig die Börsen

SGKB investment views: Erwartungen, nicht Fakten, treiben kurzfristig die Börsen
Von Thomas Stucki, Chief Investment Officer bei der St.Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

Die Aktienkurse haben die Verluste aus den Anfangswochen der Corona-Pandemie weitgehend aufgeholt. Die US-Technologieaktien eilen gar von Höchststand zu Höchststand. Das passt nicht zu den weltweit steigenden Corona-Ansteckungen und zu den Millionen von Arbeitslosen. Die Hausse an den Börsen aber nur mit den Markteingriffen und dem vielen Geld der Zentralbanken zu erklären, ist zu einseitig. So einfach lassen sich die Anleger nicht steuern. Ihre Erwartungen, und deren Erfüllung oder Enttäuschung, sind zumindest kurzfristig die stärkeren Treiber für ihr Handeln.

Die sprunghafte Verbreitung des Corona-Virus in Europa und der darauffolgende Lockdown weiter Teile der Wirtschaft waren für die Anleger ein Schock. Rasch wurde klar, dass die Weltwirtschaft praktisch über Nacht in die tiefste Rezession seit Jahrzehnten rutschen wird. Panikartige Verkäufe von Aktien waren die logische Folge davon. Die ersten Wirtschaftsdaten, die die Periode des Lockdowns abdeckten, waren schrecklich. Innerhalb eines Monats haben in den USA 20 Millionen Leute einen Antrag auf Arbeitslosenentschädigung gestellt. Die auf Umfragen wie den Einkaufsmanagerindizes basierte Stimmung bei den Unternehmen ist auf so tiefe Werte gesunken wie noch nie. Es war klar, dass die Lage schlimmer war als man sich dies in den düstersten Schätzungen vorgestellt hatte.

Zuerst technische Gegenreaktion, dann Rallye
Die erste Erholungsphase an den Aktienmärkten in der zweiten Märzhälfte war eine technische Gegenreaktion auf den massiven Kurssturz. Ab Anfang April haben die Börsen dann zum grossen Rallye angesetzt. Die Wirtschaft war doch nicht zusammengebrochen, auch dank den riesigen Hilfspaketen der Staaten und dem Eingreifen der Zentralbanken. Die Erwartungen der Ökonomen und der Anleger waren aber immer noch sehr tief. Die publizierten Daten aus der Wirtschaft waren zwar besorgniserregend, aber deutlich besser als erwartet. Das lässt sich an den Indikatoren wie dem Citigroup Economic Surprise Index ablesen.

Dieser Indikator vergleicht die effektiven Daten mit den Erwartungen der Ökonomen. Negative Werte zeigen an, dass die Zahlen schlechter sind als erwartet. Positive Werte sind das Ergebnis von über den Erwartungen liegenden Daten. Seit Mitte April ist dieser Index für die USA von -150 auf +226 Punkte gestiegen. Das ist bei weitem der höchste Wert seit dem Start der Indexreihe 2003. Die positiven Überraschungen erfreuen die Anleger und lassen die Hoffnung keimen, dass sich die Konjunktur rascher erholen wird als gedacht.

Erwartungen ausschlaggebend
Mit den besseren Werten aus der Wirtschaft steigen auch die Erwartungen. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass die effektiven Daten in den nächsten Wochen die nun höheren Erwartungen nicht mehr stark übertreffen oder gar verfehlen werden. Der Citigroup Surprise Index wird dann wieder in Richtung des negativen Bereichs absinken. Die negativen Überraschungen werden unter den Anlegern neue Befürchtungen wecken und den Verkaufsdruck an den Börsen erhöhen. Kursverluste von rund 10% schliesse ich in diesem Umfeld nicht aus, bevor die Erwartungen nach unten nachziehen und der psychologische Kreislauf von neuem beginnt.

Auf Dauer können sich die Aktienkurse den Fakten nicht entziehen. Damit die Aktienkurse die aktuellen Werte halten können oder noch weiter steigen, muss der wirtschaftliche Verlust aus der Corona-Zeit in den nächsten ein bis zwei Jahren korrigiert werden und das BIP danach regelmässig weiter wachsen. Wie die Erfahrung aus der Finanzkrise zeigt, sind die Chancen dafür nicht schlecht. Es lohnt sich daher, an einer soliden Aktienallokation festzuhalten. Wer kurzfristig versuchen will, antizyklisch zu handeln, für den sind die Überraschungsindikatoren ein guter Anhaltspunkt, insbesondere wenn sie Extremwerte wie im April im negativen Bereich oder momentan auf der positiven Seite aufweisen.

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