Andreas Keller, Geschäftsführer daCarbo AG

Andreas Keller

Andreas Keller, Geschäftsführer daCarbo AG.

von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Keller, eine Trompete ist der Inbegriff des Blechblasinstruments. Sie und der Trompeten-Bauer Werner Spiri aber bauen Blasinstrumente aus Carbon, also aus kohlenstofffaser-verstärktem Kunststoff. Wo liegen die Unterschiede?

Andreas Keller: Bei einer Trompete wird die vom Instrument umschlossene Luftsäule über die Lippen des Bläsers in Schwingung versetzt. Bei der Klangerzeugung ist kein Material direkt involviert. Daher ist der Klang in erster Linie von der Geometrie der Luftsäule bestimmt und nicht von den Eigenschaften der Instrumentenwand. Über das Material können aber Feinheiten beeinflusst werden. Mit kohlenstofffaser-verstärktem Kunststoff können wir lokal die Steifigkeit, deren Richtung und die Masse unabhängig voneinander einstellen. Das nutzen wir, um die Schwingungen für den Klang aber auch für das Spielgefühl zu optimieren.

Und welches sind die Vorteile der Carbon-Trompete?

Unsere Trompeten haben eine höhere Klangabstrahlung. Für dieselbe Intensität braucht der Bläser weniger Energie zu investieren. Noch bedeutender ist, dass der Ton aussergewöhnlich leicht erzeugt wird und er auch bei sehr feinem Spiel nicht abbricht. Der Trompeter spricht von einer leichten Ansprache. Das führt zu einem lockeren, stressfreien Spiel, das zusammen mit der besseren Energieausbeute zu längerer Ausdauer und höherer Präzision führt – beides Dauerthemen unter den Trompetern. Ausserdem behalten daCarbo-Trompeten auch im obersten Register das volle Klangvolumen, wo normale Trompeten dazu neigen, den Ton dünner werden zu lassen.

Ist für den Zuhörer ein Unterschied zu erkennen oder beschränkt sich der Unterschied auf das Spielen des Instruments?

Beim Blindtest mit den Trompetern des Tonhalle-Orchesters Zürich konnten selbst die Profis die daCarbo-Trompeten erst nach mehrmaligen Versuchen und auch dann nicht mit Sicherheit unterscheiden. Dies liegt daran, dass die Trompeter auf dem Instrument ihre Klangvorstellung umzusetzen versuchen, was auf guten Instrumenten auch gelingt. Unsere Trompeten unterstützen einen warmen, ausgeglichenen Ton, wie er heute häufig gesucht wird. Dennoch kann darauf auch scharf gespielt werden. Auch können wir Dank des modularen Aufbaus das Instrument auf die spezifischen Bedürfnisse jedes Bläsers anpassen.

«Beim Blindtest mit den Trompetern des Tonhalle-Orchesters Zürich konnten selbst die Profis die daCarbo-Trompeten erst nach mehrmaligen Versuchen und auch dann nicht mit Sicherheit unterscheiden.»
Andreas Keller, Geschäftsführer daCarbo AG

Inwieweit hat die Carbon-Trompete noch etwas mit dem traditionellen Instrumentenbau zu tun?

Bisher ist ja ausschliesslich das Schallstück aus Carbon. Dessen Herstellung ist ein eigens entwickelter Hightechprozess aus der Kunststoffverfahrenstechnik und ist nicht mit dem traditionellen Handwerk vergleichbar. Die restlichen Teile werden nach wie vor in echtem Schweizer Handwerk hergestellt. Die akustische Entwicklung der daCarbo-Trompete wäre ohne das grosse empirische Wissen des traditionellen Instrumentenbaus unmöglich gewesen.

Ist eine Carbon-Trompete teurer als eine herkömmliche Trompete?

Die Qualität wie die Klang- und Spieleigenschaften unserer Trompeten sind gemäss unabhängigen Testberichten und Musikerfeedback unbestrittenermassen dem Profi-Segment zuzuordnen. Im entsprechenden Preissegment bewegen wir uns ohne nach oben auszureissen. Natürlich findet man auch wesentlich günstigere Trompeten auf dem Markt. Diese sind aber qualitativ nicht vergleichbar.

Wie viele Musiker haben sich bisher von den Vorzügen überzeugen lassen?

Unser Produkt ist nun ein knappes Jahr auf dem Markt. Trotz der in der Welt der akustischen Instrumente üblichen Skepsis gegenüber Innovationen sind in der Zwischenzeit 30 daCarbo-Trompeten im Umlauf – zum grössten Teil bei professionellen Spielern. Dabei sind alle Stilrichtungen vertreten. Besonders stolz sind wir darauf, dass Philippe Litzler, der Solotrompeter des Tonhalle Orchesters Zürich, die daCarbo regelmässig einsetzt.

«Trotz der in der Welt der akustischen Instrumente üblichen Skepsis gegenüber Innovationen sind in der Zwischenzeit 30 daCarbo-Trompeten im Umlauf – zum grössten Teil bei professionellen Spielern.»

Wie sind die Reaktionen der Musiker auf die Carbon-Trompete, von den Profis auf der einen, von Amateuren auf der anderen Seite?

Ob Profi oder Amateur: Wer die daCarbo zum ersten Mal sieht, will sie testen. Es wird ein deutlich anderer Klang als von einer metallischen Trompete erwartet. Gross ist dann die Überraschung, dass dem nicht so ist („Yes, it’s a trumpet!“ Claudio Roditi). Nun zählt das Spielgefühl: Die Leichtigkeit der Ansprache und die breiten Möglichkeiten den Klang zu modellieren überzeugen nahezu ausnahmslos. Den meisten gefällt die Carbon-Optik. Es gibt aber auch Anfragen, das Schallstück zu lackieren, damit man z.B. in der Marschmusik nicht auffällt. Das machen wir aber nicht. Unser Instrument soll auffallen. Das ist ein Teil der Marketingstrategie.

Wie vertreiben und vermarkten Sie die Instrumente?

Die Trompeten werden ausschliesslich über den Detailhandel vertrieben. Diesen erreichen wir über Artikel und unabhängige Testberichte in Fachzeitschriften und vor allem an Fachmessen.

Um bei den Musikern Vertrauen zu gewinnen, sind bekannte Trompeter, die hinter dem Produkt stehen, enorm wertvoll. Hier haben wir das Glück, dass schon etliche bekannte Grössen – stilistisch breit abgestützt – mit daCarbo-Trompeten auftraten, darunter Claudio Roditi (Jazz), Troy Andrews (Funkrock), Philippe Litzler (Klassik), Toni Maier (Klassik, Unterhaltungsmusik) und Michael Stever (Funk).

Wie kam es zur Idee, eine Carbon-Trompete zu bauen?

Ich bin selber Amateur-Trompeter und kenne daher die Sorgen und Nöte von Blechbläsern. Beruflich beschäftige ich mich seit mehr als 15 Jahren mit Verbundwerkstoffen und zwar sowohl in der Forschung als auch in der Industrie. Die Frage, ob man die technisch-gestalterischen Freiheiten von Verbundwerkstoffen nicht gewinnbringend für die Feinabstimmung von Blasinstrumenten nutzen könnte, liess mich nicht mehr los. Ich habe mich in die Wissenschaft der musikalischen Akustik eingelesen und gesehen, dass hier Möglichkeiten brach liegen.

Sie haben das Carbon-Prinzip schützen lassen. Lässt es sich auf andere Instrumente anwenden?

Das Prinzip der Unterdrückung energiezehrender Wandschwingungen lässt sich auf sämtliche Blasinstrumente anwenden. Selbstverständlich denken wir in diese Richtung bereits weiter.

Welche Partner sind neben Ihnen und Werner Spiri noch in das Projekt eingebunden?

Die Produktionstechnik wurde zusammen mit dem Institut für Werkstofftechnik und Kunststoffverarbeitung (IWK) der Hochschule Rapperswil und der Nägeli Swiss AG, die heute auch die Carbonkomponenten nach unseren Vorgaben herstellt, entwickelt. Für den Prototypenbau arbeiten wir nach wie vor mit dem IWK zusammen. Das Institut für Wiener Klangstil, der Universität für Musik in Wien untersucht die akustischen Eigenschaften der Trompeten, was uns wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung auch von anderen Blasinstrumenten gibt. Sehr wichtig ist auch das differenzierte Feedback von Musikern und zwar in der Funktion als Zuhörer und als Spieler. Hier pflegen wir gute Kontakte zum Tonhalle-Orchester Zürich aber auch zu vielen weiteren Musikern diverser Stilrichtungen aus verschiedenen Ländern.

«Aufgrund der Resultate des KTI-Projektes war es nun möglich, für den Aufbau des Marktes Investoren zu finden, die sich an der daCarbo AG beteiligten.»

Wie haben Sie das Projekt finanziert?

Die Entwicklung des Instrumentes und der Herstelltechnologie wurde im Rahmen eines KTI-Projektes abgewickelt. Dadurch wurde der wissenschaftliche Teil des Projektes vom Bund getragen. Zu diesem frühen Zeitpunkt – ohne Funktionsmodell –  wäre es nicht möglich gewesen, Investoren zu überzeugen. D.h. ohne die Unterstützung der KTI gäbe es heute keine Carbon-Trompeten auf dem Markt.
Aufgrund der Resultate des KTI-Projektes war es nun möglich, für den Aufbau des Marktes Investoren zu finden, die sich an der daCarbo AG beteiligten.

Auf welche geographischen Märkte konzentrieren Sie sich und wie werden Sie das Unternehmen weiterentwickeln?

Bis vor kurzem waren wir fast ausschliesslich in Europa tätig. Nun hatten wir in an der NAMM Show, der grössten amerikanischen Fachmesse, unseren Marktstart in den USA. Das hat uns gute Kontakte zu vielen Detaillisten gebracht und ein grosses Potential eröffnet, das wir neben Europa und neuerdings auch Asien intensiv pflegen werden.
Wir stehen am Anfang des Marktaufbaus mit einem weltweit neuen Produkt, mit welchem wir noch lange wachsen können. Darüber hinaus lancieren wir eine weitere Trompete mit Carbon-Schallstück, die wir günstiger anbieten können und die somit auch für einen erweiterten Amateurbereich von Interesse ist. Mittelfristig stehen neben der Trompete weitere Blasinstrumente in unserem Fokus.

Steve Dillard & Jon Barnes testen daCarbo-Trompeten an der NAMM 2012.

httpv://youtu.be/4lrJy3bhBrE

Zum Abschluss möchte ich Sie bitten, die nachfolgenden drei Sätze zu vervollständigen:

Der Klang einer Trompete ist für mich… sehr wandelbar und damit immer auch ein Ausdruck der Persönlichkeit des Bläsers.

Werner Spiri ist… einer der weltbesten Trompetenbauer, der dennoch äusserst bescheiden geblieben ist.

Mein Traum ist es… dass daCarbo-Instrumente soweit verbreitet sind, dass sie nicht mehr auffallen.

Herr Keller, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Andreas Keller (43) ist Gründer der daCarbo AG, deren Hauptaktionär und Geschäftsführer. Nach seinem Studium zum dipl. Werkstoffingenieur ETH arbeitete er in der landwirtschaftlichen Forschung, wo er sich mit der industriellen Nutzung nachwachsender Industrie-Rohstoffe beschäftigte. In seiner Dissertation untersuchte er das technische Potential von Pflanzenfasern in Verbundwerkstoffen.
2002 wechselte er in die Industrie und übernahm die Leitung der Entwicklungsabteilung der Ammeraal Beltech AG in Jona, die Hochleistungsriemen für Industriemaschinen und diverse Spezialitäten für den Automobilbau für den weltweiten Markt entwickelt und produziert.
2009 gründete er zusammen mit Werner Spiri die CarbonHorns Swiss GmbH, die die Entwicklung der Carbon-Trompete vorantrieb.
Ende 2010 wurde die CarbonHorns Swiss GmbH zur daCarbo AG umgewandelt und deren Aktienkapital durch Investoren erhöht.

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