Nach wie vor keine Entwarnung in der Corona-Pandemie

Nach wie vor keine Entwarnung in der Corona-Pandemie

Bern – Die Entwicklung der Corona-Pandemie in der Schweiz lässt aus der Sicht von Behörden und Wissenschaft nach wie vor keine Entwarnung zu. Dem Gesundheitswesen droht weiterhin eine Überlastung. Immerhin zeigen sich erste Anzeichen für ein Abflachen des Anstiegs der Corona-Fälle.

„Die Zahlen der positiven Fälle und der Hospitalisationen steigen weiter an. Man hat aber das Gefühl, dass dieser Anstieg sich tendenziell abflacht bis stabilisiert“, sagte der Leiter des Bereichs Übertragbare Krankheiten im Bundesamt für Gesundheit (BAG), Stefan Kuster, am Freitag vor den Medien.

Gleichentags meldete die Behörde 9409 neue Ansteckungen gegenüber 9207 vor einer Woche. Zuvor waren am Mittwoch und am Donnerstag erstmals fünfstellige Zahlen verzeichnet worden. Die gemeldeten neuen Hospitalisationen beliefen sich laut Kuster auf 231 gegenüber 279 vor einer Woche. Zudem wurden 70 neue Todesfälle gemeldet, vor einer Woche waren es 52.

Die Lage sei mit über 9000 Fällen pro Tag nach wie vor besorgniserregend, sagte Kuster weiter. Denn diese Zahlen würden sich in Hospitalisationen und Todesfälle ummünzen. „Die Gesundheitsversorgung wird unter Druck bleiben“, sagte er.

Reproduktionszahl weiter zu hoch
Einen Hinweis auf eine Abflachung der Kurve gibt auch die sogenannte Reproduktionszahl. Gemäss den aktuellsten Zahlen vom 26. Oktober lag sie bei 1,1, das heisst, dass zehn Kranke elf weitere Menschen anstecken. Vor einem Monat habe die Zahl noch 1,7 bis 1,8 betragen.

„Wir müssen diese Reproduktionszahl deutlich unter eins bringen“, sagte Kuster. „Dann haben wir die Pandemie im Griff und nicht sie uns“, sagte auch Martin Ackermann, Präsident der nationalen wissenschaftlichen Covid-19-Taskforce.

Anzeichen für eine Entwarnung gebe es nach wie vor nicht. So sei es noch zu früh abzuschätzen, ob die letzten Massnahmen vom 28. Oktober eine Verlangsamung oder sogar eine Trendwende, wie das erhofft worden sei, ausgelöst hätten.

Ackermann verwies auch auf eine kontinuierliche Abnahme der Mobilität seit dem 12. Oktober. Im April seien nur 17 Prozent der Menschen an den Arbeits- oder den Ausbildungsort gependelt. Im Durchschnitt der vergangenen Tage seien es in der zweiten Welle mit 29 Prozent immer noch deutlich mehr gewesen. „Wir haben keine Hinweise, dass die getroffenen Massnahmen ausreichen: Wir befinden uns in einer riskanten Situation, weil wir nicht wissen, ob es uns gelingt, den Reproduktionswert unter eins zu drücken“, warnte Ackermann.

Es steht viel auf dem Spiel
Die Menschen müssten sich bewusst sein, was auf dem Spiel stehe. „Bleiben Sie im Homeoffice, vermeiden sie Kontakte wenn immer möglich, halten sie die Hygiene ein, tragen sie Masken und halten sie Abstand“, rief Ackermann die wichtigsten Verhaltensweisen in Erinnerung.

Auch BAG-Direktorin Anne Lévy appellierte an die Bevölkerung, die Massnahmen einzuhalten. Sie wies auch darauf hin, dass sich eine Stabilisierung der Neuansteckungen nicht sofort auf die Zahl der Hospitalisierungen auswirken werde.

Gemäss den aktuellen Zahlen des Koordinierten Sanitätsdienstes beträgt die Reserve bei den 1100 Plätzen auf den Intensivstationen gesamtschweizerisch rund 25 Prozent. Vor fünf Tagen seien es noch 36 Prozent gewesen. „Die Reserve schmilzt also“, sagte Lévy. Stand Donnerstag habe die Rettungsflugwacht bereits neun Patienten von einem ins andere Spital verlegt.

Laut Lévy hat der Kanton Genf am Freitagmittag grünes Licht von den Bundesbehörden für eine Unterstützung durch die Armee erhalten.“Aber die Armee kann diese Epidemie nicht besiegen. Das können nur wir alle mit unserem Verhalten“, sagte sie.

„Du gibst das Letzte“
Für den baselstädtischen Kantonsarzt Thomas Steffen hat sich das Schutz- und Hygieneverhalten der Bevölkerung gebessert. Es sei aber noch in keiner Weise vergleichbar mit jenem der ersten Welle. Steffen, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, äusserte sich auch beeindruckt vom Einsatz des Personals auf den Intensivstationen.

Er verwies aber auch auf eine Rückmeldung des Personals anlässlich eines Besuchs auf der Intensivstation eines Spitals: Es sei nicht schwierig, 150 Prozent zu leisten, habe ihm jemand gesagt: „Aber es ist schwierig, wenn Du rauskommst und siehst, wie viele Leute ohne Schutz- und Hygienemasken herumlaufen. Dann denkst Du, Du gibst das Letzte, und die andern kümmert das überhaupt nicht.“ (awp/mc/pg)

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