Meret Schneider: (K)eine weitere Agrarschlacht

Meret Schneider: (K)eine weitere Agrarschlacht
Meret Schneider, Nationalrätin, Grüne Schweiz. (Bild: parlament.ch)

“Bitte nicht!», war mein Gedanke beim Anblick des Plakat-Visuals des Nein-Komitees zur Ernährungsinitiative. “Mein Essen, meine Wahl – Nein zum Vegan-Zwang”, war darauf zu lesen und statt der von mir erwarteten Bratwurst prangte daneben ein glänzendes Spiegelei. Das Plakat soll gegen die Ernährungsinitiative mobilisieren, die eine Erhöhung des Netto-Selbstversorgungsgrades der Schweiz von heute 46% auf 70% innert 10 Jahren und eine stärkere Förderung der pflanzlichen Produktion fordert. Mehr pflanzliche Produktion, weniger Abhängigkeit vom Ausland – eigentlich genau meine Forderung und Vorstellung einer zukunftsfähigen Agrarpolitik. Eigentlich.

Dennoch bin ich gegen die Initiative und habe mir beim Erklären meiner Position schon derart den Mund fusselig geredet, dass ich den Abstimmungskampf gefühlt schon hinter mir habe. Ja, eine stärkere Förderung der pflanzlichen Produktion ist wichtig und essentiell, nicht umsonst habe ich eine Motion eingereicht, die Grenzschutz, höhere Einzelkulturbeiträge und Absatzförderung für Schweizer Leguminosen fordert. Und ja, die Schweizer Landwirtschaft ist durch hohe Futtermittelimporte und Importe der Eier, aus denen Hybridhühner schlüpfen, in hohem Masse vom Ausland abhängig.

Das Problem liegt jedoch in der Grösse des Netto-Selbstversorgungsgrades. Der Selbstversorgungsgrad wird in Kalorien gemessen und beschreibt das Verhältnis der Inlandproduktion zum inländischen Gesamtverbrauch. Beim Netto-Selbstversorgungsgrad wird die Energie der importierten Futtermittel abgezogen, weshalb der Wert tiefer ist als beim Brutto-Selbstversorgungsgrad. Diese Grösse eignet sich aber absolut nicht als Gradmesser für eine nachhaltige Landwirtschaft. Da er in Kalorien gemessen wird, würde der Selbstversorgungsgrad beispielsweise auch stark steigen, wenn wir den Anbau von Zuckerrüben stark fördern würden – was selbstverständlich kompletter Unsinn wäre.

Das Hauptproblem liegt in den Konsequenzen, die aus einem Hinarbeiten auf das Ziel des Selbstversorgungsgrades von 70% resultieren würden. Um dieses Ziel in 10 Jahren zu erreichen (was als eher unrealistisch eingeschätzt wird), müsste die pflanzliche Produktion im Mittelland stark intensiviert werden, was auf Kosten der Böden geschehen würde. Auch Biodiversitätsförderflächen würden der Lebensmittelproduktion zum Opfer fallen, was in Anbetracht der Biodiversitätskrise fatal wäre.

Für mich am Wichtigsten sind aber die Konsequenzen für die Tiere. Da die tierische Produktion, insbesondere Schweine und Geflügel, stark futtermittelabhängig und eher ineffizient ist, würde diese stark zurückgefahren – zu Gunsten des Anbaus pflanzlicher Nahrung für den menschlichen Konsum. Soweit, so sinnvoll. Schweine und Poulet würde es in der Schweiz höchstens noch ganz marginal geben, während Grasland für Wiederkäuer und damit die Milch- und Rindfleischproduktion genutzt würde. Noch einmal: Soweit, so sinnvoll.

Das Problem ist nur: Die Schweiz ist keine Insel. Sowohl Detailhandel als auch Gastronomie würden weiter Schwein und Poulet anbieten wollen und somit würde sämtliches Schweine- und Pouletfleisch importiert – was bezüglich Tierhaltung ein grosser Rückschritt wäre. Die 30%, die die Schweiz noch importiert, würden mit grösster Wahrscheinlichkeit Geflügel- und Schweinefleisch ausmachen, da insbesondere der Konsum von Geflügelfleisch exponentiell steigt. Klar, das geht mir auch gegen den Strich und eine Landwirtschaft, wie sie die Initiative fordert, wäre mir auch viel lieber.

Aber wir können uns die Realität leider nicht backen und müssen mit den Gegebenheiten arbeiten, statt sie auszublenden. Die Zeiten, in denen ich Bob Marley mit seinem “Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche” zitiert habe, sind vorbei. Heute versuche ich, in kleinen Schritten die Tierschutzstandards zu verbessern und die Schweiz zum Vorbild auch für andere Länder zu machen. Heute backe ich kleinere Brötchen, mag man mir vorwerfen. Aber ich backe sie mit der Ambition, einmal die Bäckerei zu übernehmen.


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