Keine Armee ist besser als ihre Munitionsvorräte

Keine Armee ist besser als ihre Munitionsvorräte
Dr. Fritz Kälin

1984 erschien das Buch «La Place de la Concorde» (Der wachsame Frieden der Schweiz), in dem der US-Journalist John McPhee fachkundig seine Eindrücke über die damalige Schweizer Armee festhielt. Den in den Wiederholungskursen hohen Munitionsverbrauch kommentierte McPhee wie folgt: «Was die Anzahl abgegebener Schüsse betrifft – in Militärstatistiken eine Angabe von grösster Bedeutung – so schneidet die Schweizer Armee im Vergleich mit sämtlichen anderen Armeen sehr günstig ab. Munition ist teuer. Ihre Verwendung bringt Geschick im Umgang mit ihr. Die tatsächliche Schusszahl wird überall geheimgehalten, weil danach die Kampfbereitschaft einer Armee bewertet werden kann.»

Von Dr. Fritz Kälin

Auf McPhees Zitat wird am Ende zurückzukommen sein.

Eine Armee macht natürlich nur mit grossen Munitionsvorräten einen glaubwürdigen Eindruck. Die Krux besteht darin, das Ausland ohne Preisgabe geheimer Zahlen davon zu überzeugen, dass die eigene Armee im Kriegsfall nicht rasch «ausgeschossen» ist. Munition ist allerdings teuer. Moderne, lenkbare ‘Präzisionsmunition’ jeglichen Kalibers ist pro Stück besonders teuer und tendenziell weniger lang lagerbar. Russland dürfte 2011 aufmerksam registriert haben, dass europäische Luftstreitkräften schon für den überschaubaren Luftkrieg gegen Muammar al-Gaddafi zu wenig Präzisionsbomben hatten.

Deutschland ist nicht zum ersten Mal beinahe ausgeschossen

Deutschlands Regierung möchte für die Bundeswehr zusätzlich zur allgemeinen Erhöhung des Wehretats ein «Sondervermögen» von 100 Milliarden Euro aufwenden. Auf die Frage, wofür diese Milliarden benötigt werden, gab Verteidigungsministerin Christine Lambrecht Ende Mai eine vielsagende Antwort: «Ich brauch allein um meine Verpflichtungen in der Nato erfüllen zu können, für 20 Milliarden [Euro] Munition.» Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Schliessung dieser Munitionslücke doch nicht mit dem Sondervermögen geschlossen wird. In Deutschland warf Ministerin Lambrechts privater Rückgriff auf Mitfahrgelegenheiten der Bundeswehr höhere Wellen als ihre Aussage über den eklatanten Munitionsmangel. Dabei lässt ihr Satz tief blicken. Nato-Mitglieder wären verpflichtet, Munition für 30 Tage bereitzuhalten. Man darf getrost davon ausgehen, dass die US-Streitkräfte weit mehr als dieses Minimum an Lager haben. Was US-Steuerzahler wohl denken, falls sie erfahren, dass das reiche Deutschland öffentlich einen Munitionsmangel im Wert von 20 Milliarden Euro einräumt?

Es wäre nicht das erste Mal, dass Deutschlands Armee nur noch für wenige Tage Munition an Lager hat. Ende Oktober 1939 stand die Wehrmacht trotz der raschen Niederwerfung Polens praktisch ohne Artilleriemunitionsvorräte da. Polens westliche Verbündeten blieben aber defensiv-passiv. Der Schwächemoment der Wehrmacht blieb so unbemerkt.

Ukrainekrieg: Präzisionsfeuer allein gewinnt Gefechte, aber keinen Krieg

Lambrecht war 2022 nicht die Erste, die nach mehr Munition für die eigene Armee rief. Gleich nach Beginn von Russlands eskaliertem Angriffskrieg soll der ukrainische Präsident (laut namentlich nicht genannten US-Regierungsquellen) ein amerikanisches Angebot, ihn aus Kiew zu evakuieren, mit den Worten abgelehnt haben «Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit».

Nur Russlands Armee scheint die Munition nicht auszugehen. Im Gegenteil. Es kursieren Zahlen, dass Russland täglich Artilleriegranaten in fünfstelliger Zahl verschiesst. Zehnmal mehr, als die Ukrainer aus ihren schwindenden Beständen an sowjetischen Kalibern zurückschiessen können. Dabei hatte die Ukraine aus Sowjetzeiten Munitionsbestände geerbt, von der westeuropäische Armeen nur noch träumen konnten. Gemäss dem US-Militärexperten Dr. Philip Karber (Video Minute 7) verschossen die Ukrainer in den ersten 30 Kriegsmonaten seit Kriegsausbruch 2014 mehr Artilleriemunition, als damals in allen europäischen Nato-Ländern eingelagert war. Nicht umsonst hat Russland über die Jahre gezielt ukrainische Munitionsdepots angegriffen. Allein 2017/2018 gingen der Ukraine durch Sabotage auf Depots hunderttausende Tonnen verloren. Hauptsächlich Artilleriemunition, die jetzt an der Front fehlt. Hinzu kamen Sabotageanschläge des russischen Militärgeheimdienstes auf Depots und Produktionsstätten sowjetischer Kaliber in osteuropäischen Staaten, welche die Ukraine hätten beliefern können. Während der Westen seit Monaten spekuliert, wann Russland wenigstens die teuren Präzisionslenkwaffen ausgehen, hat es mit billigen Sabotageangriffen die ukrainische Verteidigungsfähigkeit während Jahren empfindlich unterminiert.

Die bisher gelieferten modernen westlichen Artilleriegeschütze verhelfen den Ukrainern erst an einem Bruchteil der gut 1’000 Kilometer langen Front zu längeren Spiessen gegenüber der russischen Feuerwalze – und auch das nur, solange genügend Granaten westlichen Kalibers und Ersatzläufe für die Geschütze nachgeliefert werden.

Die «Igelschweiz» hatte noch genügend Stacheln (in Gestalt von Munition)

Zurück zum eingängigen Zitat von John McPhee. Die Schweizer Armee war während des Kalten Krieges geradezu berüchtigt, Kriegsmunition in grossen Mengen zu lagern – und das gut geschützt und dezentral gelagert. Wie konnte sich die Schweiz solche Munitionsmengen leisten?

1. brauchte die damalige Armee 61 gemessen an ihrer Grösse relativ wenig Transportfahrzeuge, weil sie dank hoher Truppendichte keinen weiträumigen Bewegungskrieg führen musste.

2. waren Munition und Treibstoff landesweit in kurzer Entfernung zu den vorgesehenen Kampfräumen vorhanden, was den Bedarf an (verwundbaren) Transportfahrzeugen ebenfalls reduzieren half.

3. wären im Ernstfall zivile Fahrzeuge requiriert worden, was noch weniger Investitionen in armeeeigene Fahrzeuge erforderte.

Diese Verteidigungsarmee investierte das Steuergeld bis in die 1990er-Jahre also primär in «Schutz» und «Feuerkraft». Als die Armeebestände wegen der Friedensdividende wiederholt halbiert wurden, sollte dies militärisch durch höhere Investitionen in die «Beweglichkeit» der verbliebenen Truppen kompensiert werden.

Und die Feuerkraft? Die Schweiz musste wegen der Ratifizierung des Streumunitionsabkommens ihre wirksamste Artilleriemunition für teures Geld entsorgen. Nicht einmal Angehörige von Milizverbänden mit erhöhter Bereitschaft erhalten Taschenmunition. Der Bund verkauft die RUAG MRO Munitionsfabrik an eine ausländische Firma. Und laut Chef der Armee reichen die Munitionsbestände noch für wenige Wochen, was sicher dem Nato-Standard, aber nicht unbedingt Kriegserfordernissen entspräche. Wie würde John McPhee die Kampfbereitschaft der Schweizer Armee heute einschätzen? Er würde darauf achten, ob die vom Parlament geforderten Mehrausgaben für die Verteidigungsbereitschaft wieder vermehrt in «Schutz» und «Feuerkraft» investiert werden.


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