Nachgefragt & Aufgeklärt: Digitale Transformation und politische Macht

Nachgefragt & Aufgeklärt: Digitale Transformation und politische Macht

Oliver Fiechter und Helmuth Fuchs werfen einmal pro Woche Fragen auf und suchen Antworten zu Themen der digitalen Transformation und Ökonomie 3.0.

Helmuth Fuchs: Die Digitale Transformation sollte das individuelle und gesellschaftliche Gerechtigkeitsempfinden schärfen und durch Transparenz und Aufklärung verbessern. Wikileaks hat zwar für Furore gesorgt, hat es aber auch einen relevanten Beitrag zu mehr Gerechtigkeit gebracht?

Oliver Fiechter: Transparenz und Aufklärung sind Grundvoraussetzungen für Umstürze. In punkto Transparenz hat Wikileaks viel erreicht. Die Machtzentren sind verunsichert, sie wurden durch Wikileaks an sensibler Stelle verletzt, die Verfügungsgewalt über sensitive Informationen ist nicht mehr nur auf wenige Menschen verteilt. Aber Wikileaks ist nur ein Beispiel unter vielen, ein früher Bote der neuen Zeit. Die Digitale Transformation ist daran, die Grenzen zwischen den Nationen zu verwischen. Im Internet spielt es nämlich keine Rolle, woher wir stammen. Um einen Missstand zu beheben, kommen wir mit Menschen zusammen, welche dieselben Identitäten haben, und nicht mit denjenigen, die denselben Pass besitzen. Das wird über kurz oder lang eine enorme Kraft entfalten.

Etwas genauer?

Die Distanzen zwischen zwei Ländern schrumpfen im Internet auf null. Buchautor Thomas Friedman bezeichnet die Welt im Zeitalter des Internets als flach. Das Internet nimmt Abschied vom nationalen Denken. Es stellt neue soziale Strukturen auf. Diese Strukturen orientieren sich an unseren Haltungen, Einstellungen, Sichtweisen und unseren Werten. Mit anderen Worten: Das Internet strukturiert eine neue Gesellschaft durch verschiedene Identitätssegmente. Wofür stehe ich ein? Worüber ärgere ich mich? Welchen Umstand will ich ändern? Solche selbstreflektorische Fragen stellen die Basis politischer Vereinigung dar. Die politische Macht von Staatsparlamenten schwindet zunehmend.

«Die Digitale Transformation ist daran, die Grenzen zwischen den Nationen zu verwischen. Im Internet spielt es nämlich keine Rolle, woher wir stammen.»

Gibt es schon gute Beispiele dazu?

Die Occupy-Bewegung ist ein solches Beispiel. Heute vernetzen sich Millionen von Menschen unter dem Identitätsdach dieser Bewegung, sie haben dieselbe Vorstellung von Gerechtigkeit, und sie sind gemeinsam politisch aktiv, ungeachtet ihrer nationalen Herkunft. Avaaz.org ist ebenfalls ein eindrückliches Beispiel. Auf dieser Plattform sind bereits 17 Millionen Menschen aktiv. Aufgeklärte, reflektierte Menschen bilden eine grenzübergreifende Weltgemeinschaft, die demokratischer, und möglicherweise effektiver ist als die Vereinten Nationen.

«Aufgeklärte, reflektierte Menschen bilden eine grenzübergreifende Weltgemeinschaft, die demokratischer, und möglicherweise effektiver ist als die Vereinten Nationen.»

Zentralistische Machtstrukturen werden durch die potentielle Demokratisierungsmacht des Netzes in ihrem Kern gefährdet. Folgen jetzt die gleichen Entwicklungen wie in der realen Politik, wo auf zentrale Apparate diktatorische Apparatschiks folgen wie zum Beispiel in Russland?

Ja. Die Digitale Transformation führt zu einer Reform der politischen und gesellschaftlichen Ordnung. Dass es dabei zur Abwehrhaltung der Macht kommt ist so etwas wie das natürliche Verhalten eines Systems, das in Bedrängnis gerät. Der Kampf zwischen Zentralisierung und De-Zentralisierung, zwischen dem «Dunklen» und dem «Hellen», dem Guten und dem Bösen, ist kein neues Phänomen, sondern vielmehr ein Klassiker und in unserer Weltordnung natürlich angelegt. In der Physik werden diese beiden Kräfte Gravitation und Zentrifugalkraft genannt. Die Gravitation wirkt zum Zentrum hin, die Zentrifugalkraft vom Zentrum weg.

Wird die «helle» oder die «dunkle» Seite der Macht gewinnen?

Durch das Internet wachsen die Zentren zusammen, gleichermassen führt es aber auch zur Stärkung des Dezentralen: Durch die zentrale Verfügbarkeit der Information lassen sich Entscheide viel besser als früher dezentral treffen. Bei der Zentralisierung und der Dezentralisierung handelt es sich um die zwei wirkungsvollsten Kräfte, welche die Gegenwart in die Zukunft überführen. Heutzutage folgen in der westlichen Zivilisation immer mehr Menschen den Prinzipien der Unabhängigkeit und Selbstorganisation, deshalb bin ich überzeugt, dass sich dort Gesellschafts- und Wirtschaftsformen von Selbstverwaltung durchsetzen werden.

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