EY: Weltweiter IPO-Markt – 2021 dürfte ein guter Jahrgang für Börsengänge werden

EY: Weltweiter IPO-Markt –  2021 dürfte ein guter Jahrgang für Börsengänge werden
Tobias Meyer, Leiter Transaction Accounting and IPO Services bei EY in der Schweiz. (Foto: EY)

Zürich – Ein starkes Schlussquartal verhalf dem internationalen IPO-Markt im Gesamtjahr 2020 zu neuen Höchstständen: Weltweit haben letztes Jahr insgesamt 1322 Unternehmen den Schritt an die Börse gewagt, 15 Prozent mehr als 2019. Das gesamte Emissionsvolumen der weltweiten Börsengänge stieg sogar um 26 Prozent auf 263 Milliarden US-Dollar und damit auf den höchsten Wert seit 2010.

Besonders stark ist das Emissionsvolumen in den USA gestiegen, und zwar auf 86 Milliarden US-Dollar (69 Prozent mehr als 2019). Die Zahl der Börsengänge nahm dabei um 32 Prozent auf 222 zu. Auch China (inklusive Hongkong) verzeichnete 2020 sowohl ein Wachstum des Emissionsvolumens (um 51 Prozent auf 116 Milliarden US-Dollar) als auch der IPOs (um 41 Prozent auf 514, plus 41 Prozent).

Die Entwicklung in Europa wies vergleichsweise niedrigere Wachstumsraten auf: Ein Emissionsvolumen von 27 Milliarden US-Dollar (plus neun Prozent im Vergleich zu 2019) und 176 Börsengänge (17 Prozent mehr).

Beliebte Technologie- und Gesundheits-Unternehmen
Das aktuelle IPO-Barometer des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY zeigt, dass 2020 insgesamt 35 Prozent der weltweiten Emissionserlöse auf die Börsengänge von Technologieunternehmen entfielen, die gleichzeitig 24 Prozent aller Deals ausmachten. An zweiter Stelle standen IPO von Unternehmen aus dem Gesundheitssektor (16 Prozent der Erlöse, 15 Prozent der Transaktionen). Die weltweit grösste IPO-Transaktion im Jahr 2020 war der Börsengang des chinesischen Chip-Herstellers Semiconductor Manufacturing International, der 7,5 Milliarden US-Dollar einbrachte.

Tobias Meyer, Leiter Transaction Accounting und IPO Services bei EY Schweiz, kommentiert: «Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig, dass in einem so schwierigen Jahr wie 2020 Börsengänge derartig boomen. Allerdings werden viele IPO weiterhin durch die hohe Liquidität getrieben, die im Markt vorhanden ist und die angelegt werden muss. Zudem zeigt sich derzeit einmal mehr, dass der Markt für Börsengänge relativ wenig über die Gegenwart, aber viel über die Zukunft sagt.»

Tobias Meyer ergänzt, dass sich im Zuge der Covid-19-Pandemie auch die Herangehensweise der Unternehmen an einen Börsengang geändert habe. So sei beispielsweise der Prozess der Platzierung der Aktien während des IPO-Prozesses dank virtueller Roadshows digitaler und schlanker geworden. Gleichzeitig seien diese Roadshows auch kürzer ausgefallen, was das Volatilitäts- und Preisrisiko reduziert habe.

Kotierte Mantelgesellschaften gefragt wie nie
Die sogenannten SPAC («Special Purpose Acquisition Companies», d.h. börsenkotierte Mantelgesellschaften) haben letztes Jahr ihren Durchbruch gefeiert. Nachdem 2019 weltweit erst 60 solche SPAC kotiert wurden und dabei insgesamt 13,7 Milliarden US-Dollar eingesammelt hatten, stieg die Zahl der neuen SPAC-Listings 2020 deutlich auf 230, und das Emissionsvolumen lag dabei bei insgesamt 75,8 Milliarden US-Dollar.

«Der Zusammenschluss mit einem SPAC zählt inzwischen zu den valablen Optionen für IPO-Kandidaten, die in volatilen Zeiten nach einem möglichst sicheren und planbaren Weg an die Börse suchen. Bisher haben wir solche Transaktionen vor allem in den USA gesehen, seit 2020 kommen sie vermehrt auch in Europa vor», beobachtet Tobias Meyer von EY.

2020: Fünf Börsengänge von Schweizer Unternehmen
Auch das Schweizer Textiltechnologie-Unternehmen HeiQ wählte Ende 2020 für seinen Gang an die Börse in London (LSE) diesen Weg über den Zusammenschluss mit einer eigens für diesen Zweck geschaffenen und kotierten Mantelgesellschaft. Zwei weitere Schweizer Unternehmen entschlossen sich letztes Jahr ebenfalls für eine Kotierung im Ausland: Die Biotechnologie-Gesellschaft ADC Therapeutics wählte für ihr IPO die US-Technologiebörse Nasdaq, die Medizinaltechnologie-Firma Implantica den schwedischen Nasdaq-Ableger in Stockholm.

An der Schweizer Börse (SIX) kam es 2020 zu insgesamt zwei IPO-Transaktionen, beides waren Separierungen von Geschäftsbereichen als eigenständige, börsenkotierte Unternehmen («Spin-offs»). Einerseits ging die Immobilien-Entwicklungsfirma Ina Invest als Abspaltung aus dem Bauunternehmen Implenia hervor. Andererseits wurde V-Zug, die Herstellerin von Haushaltgeräten, aus der Industrie-Gruppe Metall Zug herausgelöst.

IPO-Experte Tobias Meyer von EY: «Die Schweiz ist im internationalen Vergleich ein kleiner IPO-Markt, entsprechend gibt es nicht so viele Börsengänge pro Jahr wie im Ausland. Deshalb sind auch grössere Schwankungen von Jahr zu Jahr gut möglich, so gab es beispielsweise 2019 sieben Börsengänge von in- und ausländischen Unternehmen an der Schweizer Börse und nicht nur zwei wie 2020.»

Mehr IPO-Aktivitäten in 2021 erwartet
In diesem Jahr sind gemäss Tobias Meyer von EY Schweiz aufgrund der Covid-19-Pandemie weitere Börsengänge von Technologie- und Gesundheitsfirmen zu erwarten. Investoren könnten aber auch verstärkt den Fokus auf den Sektor der Erneuerbaren Energien (Elektrofahrzeuge, Energie, Cleantech) und Technologien im Bildungsbereich legen.

«Insgesamt dürften die globalen IPO-Aktivitäten ihren Schwung bis zum Sommer 2021 beibehalten, da Unternehmen von der anhaltend hohen Liquidität und den Nachrichten rund um die Corona-Impfstoffe profitieren werden. Zudem sind einige Firmen grundsätzlich bereit für das Börsenparkett, haben diesen Schritt 2020 wegen der Pandemie aber temporär zurückgestellt», sagt Tobias Meyer.

IPO-Kandidaten sollten sich jedoch einer möglichen Marktkorrektur bewusst sein. Auf dem globalen IPO-Markt habe es insbesondere im dritten und vierten Quartal 2020 eine Reihe von «IPO-Marktlieblingen» gegeben, deren Aktien am oberen Ende der Bewertung an die Börse gebracht wurden; und diese Aktien seien nun anfälliger für eine potenzielle Korrektur aufgrund von Marktturbulenzen. Zudem bestehe weiterhin noch eine Ungewissheit über die Wirksamkeit der Impfstoffe bei der Eindämmung der weiteren Ausbreitung der Pandemie, was für die Erholung der gesamten Weltwirtschaft entscheidend sei. Auch geopolitische Entwicklungen könnten 2021 wieder für Unsicherheiten und Volatilitäten an dem Märkten sorgen. (EY/mc/ps)

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