Was bedeutet die Reproduktionszahl R und war der Lockdown umsonst?

Hygiene
(Foto: Pixabay)

Von Helmuth Fuchs

In der bisherigen Krisenzeit wurde die Öffentlichkeit vom Bundesrat und dem BAG nur zögerlich mit belastbarem Datenmaterial informiert. Zwar wurde das Monitoring mit der Zeit mit zusätzlichen Informationen angereichert, es bleiben jedoch weiterhin grosse Lücken und der Bundesrat gab keinen Einblick in sein eigentliches Entscheidungscockpit und die Expertencrew. So gab es nie Informationen zu einer der wahrscheinlich wichtigsten Entscheidungsgrössen: Der Reproduktionszahl R. Die Zahlen dazu vom Robert Koch-Institut in Deutschland und einer Studie der ETH Zürich (Tanja Stadler) zeigen, dass die weitere Ausbreitung der Epidemie in beiden Ländern schon vor den jeweiligen Lockdowns gestoppt wurde.

Während man sich zu Beginn in der gesamten Kommunikation des BAG und des Bundesrates fast ausschliesslich auf die Anzahl der Fälle und der Todesfälle konzentrierte, ohne zum Beispiel auch jeweils die Anzahl der getesteten Fälle zu erwähnen, wurden mit der Zeit auf der Seite des BAG wenigstens die Gesamtzahl der Tests (nicht aber die jeweils täglich durchgeführten Test), die Anzahl Hospitalisierter und zum Schluss auch Sentinella-Zahlen zu COVID-19 Verdachtsfällen publiziert.

Das wichtigste Ziel aller Massnahmen zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung war nach Aussage des Bundesrates, das Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu schützen, also dafür zu sorgen, dass nicht zu viele Pflegebedürftige zur gleichen Zeit in die Spitäler strömen und die Kapazitäten überlasten. Die dazu ergriffenen Massnahmen sollten also dafür sorgen, dass die Spitze der Fälle nicht über den Kapazitäten der Pflegeplätze lagen, „flatten the curve“.

Lockdown-Massnahmen veränderten den Reproduktionswert weder in Deutschland, noch in der Schweiz
Entscheidend dafür, wie schnell sich das Virus verbreiten kann ist die sogenannte Reproduktionszahl: Wie viele Mitmenschen steckt eine infizierte Person an? Lag dieser Wert zu Beginn zwischen 2 bis 3.5 (eine infizierte Person steckte bis 3.5 weitere Personen an), fiel der Wert sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz nach Ergreifen der ersten Massnahmen (Verbot von Massenansammlungen, Distanz, Händewaschen, Niesen in Ellbogen oder Taschentuch) innerhalb von 10 Tagen auf einen Wert um 1 und darunter. Das bedeutet, dass sich die Epidemie nicht mehr weiter ausbreitet und bei Werten unter 1 langsam zurückbildet.

Die Grafik des Robert Koch-Institutes

Die Grafik mit den Zahlen aufgrund der Arbeit von Tanja Stadler, ETH Zürich, aufbereitet bei infekt.ch

Beide Verläufe zeigen, dass die Lockdown-Massnahmen praktisch keinen zusätzlichen Einfluss auf den Verlauf der Reproduktionszahl mehr hatten. Diese sank auf den Wert 1 und darunter durch das erste Massnahmenpaket und blieb danach stabil, sank auch nicht mehr weiter durch den Lockdown.

Wie hilfreich ist der Lockdown zur Senkung der Reproduktionszahl?
Ein Monitoring der Reproduktionszahl hätte eigentlich schon vor einem Monat die Wirksamkeit des Lockdowns stark relativiert. Es stellt sich also die Frage, welchen Wert der Bundesrat der Reproduktionszahl beigemessen hat, wann er Kenntnis dieser Arbeit hatte und aus welchen Gründen der Lockdown weitergeführt wurde?

Inwieweit der Lockdown half, die Zahlen stabil zu halten, welche zuvor schon auf den wichtigen Wert von 1 sanken, kann ich zur Zeit nicht beurteilen. Es ist aber für das weitere Vorgehen entscheidend, ob der Bundesrat weiterhin einfach den drohenden Zeigefinger hebt „wenn Ihr Euch nicht an unserer Empfehlungen haltet, werden wir die Massnahmen verschärfen“, oder ob er aufgrund von belastbaren Kennzahlen ein öffentliches Cockpit einrichtet, Grenzwerte definiert und Massnahmen, welche bei Über- und Unterschreitung dieser Werte ergriffen werden.

Die Bevölkerung auf Augenhöhe
Diese und weitere Fragen stellen sich vor allem, weil der Bundesrat sehr intransparent (oder eigentlich gar nicht) informiert, anhand welcher Kenngrössen er welche Massnahmen festlegt. Das war zu Beginn der Krise akzeptabel, inzwischen hätte er aber genügend Zeit gehabt, seine Führungskriterien, -Modelle und -Crew öffentlich zu machen und so die Bevölkerung als Partner auf Augenhöhe mit einzubinden, statt einfach einen „Ruck durch die Bevölkerung“ und Durchhaltewillen einzufordern.

Nach wie vor fehlen aber für die Einordnung der Zahlen wichtige Informationen wie

  • Anzahl verfügbarer Intensiv- und Beatmungsplätze in den Spitälern
  • Anzahl belegter Intensiv- und Beatmungsplätze
  • Verfügbares Schutzmaterial (Masken, Schutzmaterial, Beatmungsgeräte…)
  • Anzahl genesener Personen
  • Representative Tests zur Ermittlung der Anzahl Infizierter, symptomloser Verläufe und mit positivem Befund Genesener

Ebenso fehlt eine dringend notwendige Transparenz zum Entscheidungscockpit des Bundesrates:

  • Nach welchen Kriterien und Kenngrössen entscheidet der Bundesrat?
  • Von wem lässt er sich beraten?
  • Wer sind die Mitglieder des Expertengremiums?
  • Welche Massnahmen sind vorgesehen bei der Überschreitung der Schwellwerte der Kenngrössen?

Führungscockpit statt Emotionen
Die Epidemie wird nach der ersten Welle nicht einfach verschwinden. Auch bei einer Reproduktionszahl von knapp unter 1 wird das Virus weiter in der Bevölkerung zirkulieren und es wird zu einer nächsten Welle kommen.

Die Unterstützung der Bevölkerung ist für den Erfolg der Massnahmen essentiell. Diese kann aber nicht weiterhin einfach auf emotionaler Ebene mit wenig belastbaren Daten eingefordert werden. Die Bevölkerung muss als in der Schweizer Demokratie eigentliche Inhaberin der Macht wieder in die Entscheidungsposition gebracht und mit den dazu notwendigen Mitteln (einem wissenschaftlich fundierten Entscheidungscockpit) versehen werden.

Dieses Cockpit muss alle oben genannten und weitere zur Entscheidungsfindung wichtigen Kennzahlen liefern, zur Bewältigung dieser und kommender Krisen. Hier können all die technologischen Versprechen der Digitalisierung, künstlichen Intelligenz, selbst lernenden Systemen etc. eingelöst werden. In diesem Kontext lassen sich auch weitere Hilfsmittel wie Apps transparent diskutieren und entwickeln.


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