Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Essen, Heizen oder Auto fahren?

Martin Neff
Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: zvg)

In Nordirland, wo Protestanten und Katholiken nach wie vor grösstenteils getrennt voneinander leben, ist nach den jüngsten Wahlen erstmals die Sinn-Féin-Partei die stärkste Kraft im Parlament. Im eher protestantisch geprägten Nordirland ist der Sieg der katholischen Republikaner, die sich seit Jahrzehnten für eine Wiedervereinigung mit Irland einsetzen, ein Paukenschlag. Für uns Ökonomen ist diese Nachricht erstmal von keiner besonders grossen Bedeutung.

von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Ein baldiges Referendum über die Vereinigung mit der Republik Irland ist unwahrscheinlich und auch wenn es dazu kommt, ist der Ausgang alles andere als vorprogrammiert. Spannend ist aber, wie der Wahlsieg der einst als politischer Arm der militanten IRA geltenden Partei zustande kam. Von Wiedervereinigung war im Vorfeld der Wahlen diesmal nichts zu hören. Stattdessen hat Sinn-Féin gebetsmühlenartig auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten hingewiesen. Das Dilemma «Eat or heat?», also Essen oder Heizen, vor dem einige einkommensschwache Nordiren stehen, wurde im Wahlkampf zum Dauerbrenner. Und Sinn-Féin, die für alles andere als ihre Wirtschaftskompetenz bekannt ist, hat damit massiv gepunktet.

Weshalb ich den Norden der Grünen Insel so herausstreiche? Nordirland war bestimmt nicht das letzte Land, in dem die Inflation zu grundlegenden politischen Umwälzungen führt. Sie haben in den Medien bestimmt schon von anderen Regionen gehört, in denen es wegen der gestiegenen Lebenshaltungskosten gerade gewaltig rumort. In Sri Lanka zum Beispiel, ist die Regierung gerade nach wochenlangen Protesten gestürzt, wobei es immer noch zu gewaltsamen Unruhen kommt. Auch in Indonesien, Kasachstan, Marokko oder Peru, um nur einige Beispiele zu nennen, kam es bereits zu grossen Demonstrationen. Gefährdet sind insbesondere Entwicklungsländer, da Lebensmittel dort teilweise bis zur Hälfte der Haushaltsausgaben ausmachen. Und der Krieg in der Ukraine hat die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel bekanntlich drastisch verteuert. Hohe Lebensmittelpreise können für die herrschenden Eliten schnell zu ungemütlichen Folgen führen, wie das Beispiel des Arabischen Frühlings Anfang der 2010er Jahre gezeigt hat.

Die Inflation ist aber auch in Industrieländern ein hochbrisantes Thema. In Nordirland selbst ist die Teuerung noch gar nicht mal so dramatisch hoch. In den USA und in der Eurozone liegt die Inflation derzeit aber zwischen 7 % und 8 % und damit so hoch wie seit einigen Jahrzehnten nicht mehr. Im Vereinigten Königreich dürfte die Inflation im weiteren Jahresverlauf kurzfristig auf über 10 % steigen, warnt die Notenbank. In den baltischen Staaten, in der Slowakei und sogar in den Niederlanden ist dies bereits der Fall. Vor allem die gestiegenen Energiepreise schlagen in Europa voll zu Buche. Aber auch Lebensmittel sind zuletzt deutlich teurer geworden. Die nationalen Unterschiede sind dabei beträchtlich, so liegt die Inflation in Frankreich derzeit z.B. «nur» bei 5.4 % und damit deutlich geringer als in den benachbarten Ländern.

Grund dafür ist, dass die Kernkraft in Frankreich einen viel höheren Anteil am Strom-Mix ausmacht, während Erdgas weniger bedeutend für die Energieversorgung ist. Gemeinsam ist allen Industrieländern aber, dass die Lohnentwicklung nicht mit der Inflation Schritt hält und die realen Einkommen damit sinken, in den meisten Fällen deutlich. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die offiziell ausgewiesene Inflationsrate, nur ein Durchschnittswert ist. Einkommensschwache Haushalte geben prozentual gesehen überdurchschnittlich viel für Lebensmittel und Energie aus, ihr «persönlicher» Kaufkraftverlust durch die gestiegenen Preise ist daher nochmals deutlich höher.

Wie geht es nun weiter mit der Inflation? Drohen in Europa ebenfalls politische Turbulenzen? Die meisten Analysten, die ich kenne, spielen diese Gefahr runter und nehmen sie kaum ernst. Die Inflation werde sich schon bald wieder beruhigen, sagen sie. Die Energiepreise hätten sich schon ein Stück weit normalisiert und weil die Löhne kaum steigen, drohe auch keine gefährliche Lohn-Preis-Spirale. Mag sein, dass der Höhepunkt der Inflation mit einer Portion Glück hinter uns liegt. Damit ist aber nicht gesagt, dass die Inflationsraten schnell wieder auf normalere Niveaus sinken, obwohl auch wir derzeit noch darauf hoffen. Hoffen ist aber nicht wissen und mich beschleicht das Gefühl, dass diese Hoffnungen schon bald zerschlagen werden.

In der Zwischenzeit bleiben die Risiken von neuerlichen Preisschüben beträchtlich. Was ist, wenn der Krieg in der Ukraine eskaliert und Russland Europa doch noch den Gashahn zudreht? Was wenn sich im Herbst die Pandemie mit voller Wucht zurückmeldet und die globalen Lieferketten erneut und erst noch mehr belastet – und damit die Beschaffungspreise weiter in die Höhe treibt? Nicht auszuschliessen, dass die Inflation dann auch in Europa zu einer politischen Krise führt. In den USA ist die Inflation bereits seit längerem ein grosses Thema. Joe Bidens Umfragewerte sind im Keller und eine krachende Niederlage der Demokraten bei den Midterm-Wahlen im November gilt beinahe als ausgemachte Sache. Danach beginnt dann schon fast wieder der nächste Präsidentschaftswahlkampf und sollte Donald Trump erneut kandidieren, wonach es derzeit aussieht, sind die hohen Lebenshaltungskosten ein gefundenes Fressen für den Populisten.

Bei uns in der Schweiz wird die Inflation in der breiten Öffentlichkeit hingegen noch nicht als dringendes Problem wahrgenommen. Ähnlich hohe Preissteigerungen wie derzeit im Ausland gab es bei uns letztmals zu Beginn der Neunziger. Einige mögen sich womöglich auch noch an die 1970er Jahre erinnern, als die Teuerung nach dem ersten Öl-Schock einige Monate bei über 10 % lag. Aktuell ist die Inflation mit 2.5 % zwar so hoch wie seit 2008 nicht mehr. Aber im Vergleich zum Ausland halten sich die Kaufkraftverluste bisher in Grenzen, was verschiedene Gründe hat, so z.B. den starken Franken.

Wenn die Konsumenten bisher etwas von der Inflation gespürt haben, dann vor allem bei der Heizkostenrechnung oder beim Tanken. Heizöl kostete im April satte 75 % mehr als im Vorjahr, Benzin rund 25 %. Entsprechend sind auch Güter und Dienstleistungen teurer geworden, deren Preise stark von Energiekosten beeinflusst wird, wie z.B. Flugtickets oder Speditionsdienstleistungen. Die beiden Beispiele zeigen, wie sich ein Anstieg der Energiepreise in weit verzweigte Bereiche der Wirtschaft «reinfressen» kann. Denn steigen die Kosten für den Transport von Gütern, werden auch diese selbst früher oder später teurer.

Die Kerninflation, also die Teuerung, die den Preisanstieg bei Energie und Nahrungsmitteln ausser Acht lässt, ist in den letzten 12 Monaten von 0 % auf 1.5 % gestiegen. Das ist durchaus nicht wenig, nur merken wir davon bisher nicht viel. Wer kein Auto fährt oder gerade nicht per Flugzeug verreist, hat die gestiegenen Preise kaum registriert. Unter der Oberfläche zeigt sich aber, dass es immer mehr Produkte und Dienstleistungen gibt, bei denen der Preisdruck zugenommen hat. Gartenmöbel sind z.B. gerade um 14 % teuer als im Vorjahr, IT-Zubehör um 8 %, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Ich glaube also, da kommt auch hierzulande noch mehr auf uns zu. Es wird zwar nicht annähernd so drastisch wie im Ausland, aber das Thema ist noch lange nicht durch und wird noch für einige hitzige Diskussionen sorgen, insbesondere bei den Lohnverhandlungen. Denn aktuell steigen die Nominallöhne auch in der Schweiz weniger schnell als die Inflation, womit die realen Einkommen sinken. Gleichzeitig ist der Arbeitsmarkt praktisch leergefegt, was zu Lohndruck nach oben führt. Gefragte Spezialisten können auf markant höhere Löhne hoffen, ebenso Arbeitnehmer im Gastgewerbe, da sich dort die Probleme bei der Rekrutierung zuspitzen. In den USA springt die Lohn-Preis-Spirale allmählich bereits an. Bleibt zu hoffen, dass dieser Trend nicht auch auf die Schweiz überschwappt, denn dann kommt es nicht nur beim Kauf von Gartenmöbeln zu einem bösen Erwachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.